11. September 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XVIII

Mount Marbach

von LitSpaz

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„Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich, Sie zu unserem heutigen Literatur-Spaziergang begrüßen zu dürfen. Genau 100 Jahre sind vergangen, seit die Berlinerin Simone auf dem Marktplatz ans Rednerpult getreten und ihre bewegende Rede gehalten hat. Sie hat über den Fund der Zeitmaschine berichtet und erklärt, was es mit Wurmlöchern, Raum-Zeitachsen und Substanzverlust auf sich hat. Im Anschluss stellte sie die Pläne vor, die Marbach zu dem machen sollten, was es heute ist: eine Weltstadt der Literatur. Ich möchte Sie anlässlich dieses Jubiläums nun an Schauplätz der damaligen Ereignisse führen. Beginnen wir am Schiller-Denkmal.“

Rund vierzig Mitspaziergänger unterschiedlichen Alters und Geschlechts folgten dem Literaturführer vom Eingang des Schiller-Nationalmuseums über den großzügigen Platz, der das schlossartige Gebäude mit dem Park verband. Sie gingen vorbei an den Ruheplätzen, auf denen es sich Besucherinnen und Besucher bequem gemacht hatten, um auf ihren Endgeräten oder – ein Anblick, den es fast nur noch hier in Marbach gab, – in gedruckten Büchern zu lesen. Andere saßen an Tischen zusammen, Kaffee, Tee oder Wein und diverse Speisen vor sich. Es lag Leichtigkeit in der Luft, ein südliches Lebensgefühl, das zum Verweilen einlud, doch dafür blieb keine Zeit, die Gruppe war schon oben beim alten Denkmal angelangt.

„Hier im Park hat sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht viel verändert. Die alten Bäume mussten Stück für Stück erneuert werden, da sie der anhaltenden Trockenheit in den 20er- und 30er-Jahren des 21. Jahrhunderts nicht standhalten konnten. Seit aber dank der globalen Anstrengung die Klimaschäden eingedämmt wurden, hat sich die Situation entspannt, es konnten wieder Platanen gepflanzt werden. Friedrich Schillers Denkmal steht ehern da und erinnert uns an einen der größten Dichter, die die Welt je gesehen hat.“

Der Literaturführer strich sich in einer etwas arrogant wirkenden Geste die langen Haare hinters Ohr, räusperte sich und fuhr fort: „Weil dem so ist und schon unsere Vorfahren sich dem Gedanken des Weltbürgertums verpflichtet fühlten, dem auch Schiller und Goethe anhingen, hat sich das Land damals entschieden, die vorhandenen Institute auszubauen und ein Zentrum der Weltliteratur zu errichten. Aus der Deutschen Schillergesellschaft wurde die Internationale Assoziation der Dichtergesellschaften. Sie sehen hier also eine vielfältige Museumslandschaft mit spektakulären Gebäuden, die aber unauffällig in die Landschaft integriert wurden, sodass viel Platz für Grünflächen geblieben ist. Folgen Sie mir nun bitte zum neuesten Museum in den Untergrund.“

Die Gruppe, die andächtig zugehört hatte, begab sich zum Eingang des ehemaligen Literaturmuseums der Moderne, heute samt Erweiterungsbau das Weltliteraturmuseum des 20. Jahrhunderts. Von dort ging es mit einem Aufzug ins Untergeschoss, wo sie per Raum-Beamer vor die riesige Fensterfront des Museums für die Literatur des 21. Jahrhunderts befördert wurden. Während der Literaturführer über das Museum sprach, wanderten immer wieder Blicke hinaus zum Neckartal und zu den Weinbergen, die in ihrem ganzen herrlichen Panorama vor ihnen lagen. Viel Zeit zum Schauen blieb allerdings nicht, denn schon ging es per Beamer weiter in die Altstadt. Die nächste Station lag zwischen Torturm, Wendelinskapelle und Burgplatz. Kaum angekommen, trat eine Frau aus der Gruppe nach vorne und zeigte mit großer Geste auf Burgplatz und Marktstraße.

„Wie haben Sie das nur geschafft? Während die meisten Innenstädte ausgestorben daliegen und Leerstand haben, findet hier das pralle Leben statt. Überall die kleinen Geschäfte, dazu die Baumallee mit dem Wasserlauf, die Blühstreifen und die kleinen Cafés dazwischen. All die Leute und die vielen Kinder, die sich dort bei den Wasserspielen vergnügen. Sogar eine Buchhandlung mit Papierbüchern haben sie, wo gibt es das denn noch? Ach Gott, ist das idyllisch.“

Der Literaturführer, der sowieso nicht klein war, schien noch ein paar Zentimeter zu wachsen. „Marbach lebt eben von seinem Genie, also dem Genie Schiller, und von dem Talent der Leute, die damals in der schwierigen Zeit des Substanzverlustes im Jahr 2020 die richtigen Visionen hatten. Zum Beispiel der Zeitungsverleger und die Buchhändler, die dafür sorgten, dass bei aller notwendigen Modernisierung die Wertschätzung für das gedruckte Wort erhalten blieb. Heute zieht nicht nur die Marbacher Museenslandschaft Menschen aus aller Welt an, sondern auch die Tatsache, dass man hier noch Printprodukte erwerben kann, was sonst nur an wenigen Orten auf diesem Erdball möglich ist.“

„Oh, wie weitsichtig, das hätten unsere Vorfahren auch mal so machen sollen, eine Mischung aus analog und digital und außerdem eine Presse, die frei entscheiden kann, das wäre es gewesen.“ Die Frau schüttelte bedauernd den Kopf.

„Nun ja, wir hatten in Marbach auch etwas Glück, oder vielmehr: Wir erlebten eine gewisse Wiedergutmachung. Im späten 17. Jahrhundert, ein paar Jahrzehnte bevor Schiller geboren wurde, wurde die Stadt im Krieg fast vollständig zerstört. Das abgebrannte Schloss bauten die württembergischen Herzöge nicht mehr auf, stattdessen wurde in Ludwigsburg die große Residenz errichtet und Marbach versank in Bedeutungslosigkeit. Kurz nachdem aber 2020 aufgrund der Tunnelbohrungen die Raum-Zeit-Kreuzungen und die Raum-Zeit-Maschine entdeckt worden waren, kam uns der Zufall ein weiteres Mal zur Hilfe. Wie Sie vielleicht wissen, brannte das Ludwigsburger Residenzschloss ab. Man munkelt, dass eine vergessene Kerze in einem trocken gewordenen Kürbis der Grund gewesen sei.“

Ein Raunen ging durch die Gruppe, manche schüttelten den Kopf, andere verdrehten die Augen.

„Als das Residenzschloss abgebrannt war, entschied sich die Landesregierung, es nicht wieder aufzubauen. Lieber wollte sie in Marbach investieren, wo es ja gerade den sensationellen Fund der Zeitmaschine gegeben hatte, sowie Schiller und Co. durch die Wurmlöcher aufgetaucht waren. Wir befanden uns also in einer gewissen Luxussituation, die wir geschickt zu nutzen wussten.“ Er nickte zufrieden.

„Nun gehen wir zu Fuß über die Torgasse in die Niklastorstraße. Sobald ich Ihnen Zeichen gebe, beachten Sie bitte linker Hand das Geburtshaus und Museum des anderen großen Sohnes der Stadt, des Mathematikers und Astronomen Tobias Mayer. Unsere Tour heute führt nur daran vorbei, aber kommen Sie wieder und besuchen Sie dieses Museum sowie das benachbarte ‚Fritz Genkinger Kunsthaus‘, das in jenem denkwürdigen Jahr 2020 eingeweiht wurde. Rechter Hand sehen Sie an jener Stelle das Haus, in dem Frieder Schüler damals wohnte. Sein altes Bakelit-Telefon, das Bett, den Stuhl, einige schwarz-braune Äpfel kann man in dem urgemütlichen Literaturcafé sehen, das in der Scheune untergebracht ist.“

Alle folgten den Anweisungen, wobei einige die verführerische Speisekarte des Literaturcafés überflogen, vermutlich hätten sie gerne eine Pause dort eingelegt. Am Ende der Torgasse angekommen, zeigte der Führer auf ein bestens saniertes, aber etwas unscheinbares Fachwerkhaus, das ein kleines Stück die Straße hinauf lag.

„Hier sehen Sie die Keimzelle für die herausragende Stellung Marbachs, Schillers Geburtshaus.“

Er ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er weitersprach. In seiner Stimme schwang Rührung mit, als er wieder ansetzte.

„Dort wurde in einem kleinen Zimmerchen der große Dichter geboren. Später wurde es vom Marbacher Schillerverein aufgekauft, einem der nach einer ruhigeren Phase zu Beginn des 21. Jahrhunderts heute rührigsten Vereine der Stadt. Man richtete eine Gedenkstätte ein, die sich inzwischen zu einem beliebten Kulturtreff weiterentwickelte. Hier finden Sie außer anderen bedeutenden Erinnerungsstücken auch Schillers Hut und vor allem die Originalhandschrift der ‚Räuber‘. Sie erinnern sich?“

Ein älterer Herr, der in der vordersten Reihe stand und schon während der ganzen Führung vor sich hin gemurmelt hatte, als wollte er Kommentare abgeben, konnte sich nun nicht mehr zurückhalten.

„Aber natürlich, das habe ich doch meinen Schülern Jahr für Jahr aufs Neue erzählt. Schiller hat wegen dem despotischen Herzog Carl August …“ –

„Herzog Carl Eugen“, warf der Literaturführer ein.

„Sag ich doch, Herzog Carl Eugen. Ja, wegen ihm hat er das Manuskript verschlüsselt. Und als er im 20. Jahrhundert wieder auftauchte, hat er es Charlotte in einem Buch geschenkt, während sie in Schloss Sanssouci waren. Das weiß doch jedes Kind.“

„Er hat es, als er damals im 21. Jahrhundert, genauer 2020, wieder auftauchte, Simone im Park von Schloss Solitude heimlich zugesteckt, eingelegt in das Buch ‚Pseudodoxia Epidemica‘. Später wurde es dem Schillerverein angeboten, der es dank einer großen Spendenaktion erwerben konnte.“

Der ältere Mann meldete sich erneut zu Wort. „Zeigen Sie uns nun endlich das Haus, das berühmte Haus?“

„Selbstverständlich! Kommen Sie mit zum ‚Goldenen Löwen.“

Vor dem Gasthaus waren unter den schattenspendenden Bäumen Bistrotische aufgestellt, auf denen kleine Leckereien standen. Wie sich herausstellte, waren sie alle nach dem Kochbuch von Charlotte Schiller und ihrer Schwester Caroline von Wolzogen zubereitet, das das Team der Literaturspaziergänge bei seinen Recherchen zu dieser Tour entdeckt hatte. Dazu wurde erstklassiger Wein kredenzt, wahlweise Lemberger „Roter Räuber“ oder Grauburgunder „Geisterseher“, die beide von der inzwischen fusionierten WG Marbach-Rielingshausen stammten. Nachdem alle versorgt waren, fuhr der Literaturführer fort.

„Hier stehen Sie also vor dem berühmten Haus, in dem Schillers Mutter geboren wurde. Doch nicht nur das: Aus dem Erlös des originalen ‚Räuber‘-Manuskripts kauften sich Schiller, Goethe, die Schwestern Lengefeld und Simone dieses Gebäude, verpachteten das Restaurant und gründeten darüber ihre poetische Wohngemeinschaft. Noch heute wohnen sie hier, wenn sie nicht gerade in Weimar, Berlin oder im Fall Goethes in Italien weilen.“

„Wissen Sie denn, ob sie derzeit da sind? Können Sie sie vielleicht holen, damit wir ein Selfie machen können?“, ertönte es von einem der Tische. Die kleine rothaarige Frau, die sich zu Wort gemeldet hatte, wedelte aufgeregt mit dem Arm.

„Man kann nie genau wissen, wer wann wo ist. Aber derzeit sind sie nicht in diesem Gebäude, das kann ich mit Sicherheit sagen.“

„Oh, dann gehen wir jetzt schnell zur Raum-Zeit-Maschine, vielleicht treffen wir sie ja dort an.“

Die kleine Frau setzte sich sofort in Bewegung, und die übrige Gruppe folgte ihr. Der Literaturführer wirkte etwas irritiert ob solcher Undiszipliniertheit und beeilte sich, an den Leuten vorbei zur Spitze zu kommen. Kurz vor dem Ende der Niklastorstraße blieb er stehen, drehte sich zur Gruppe um und deutete nach links auf einen Platz.

„Das ist der berühmteste Szenetreff in unserer Provinz. Die klapprigen Holzstühle sind original jenen vor 100 Jahren nachgebaut. Am Rand, dort beim Bächlein ganz allein, sehen Sie Benjamin Winther vor seinem Bier sitzen. Sein direkter Vorfahre ist jener berühmte Winther, der zu unseren Helden in den Untergrund eilte, als Simone ihn um Hilfe gebeten hatte. Später hat er seine Autobiografie ‚Mein Bier und ich‘ veröffentlicht und darin viel von dem dokumentiert, was damals dort geschah. Das Originalmanuskript verwahrt unser Stadtarchivar Albrecht Gühring der Vierte. Benjamin Winther lebt als Privatier von dem Erlös, dem ihm dieser Bestseller seines Ahnherren und die Verfilmungen einbringen. Und jetzt gehen wir hoch zur Alexanderkirche, wo wir zur wichtigsten Zeit-Raum-Kreuzung und der Raum-Zeit-Maschine kommen.“

Ein aufgeregtes Gemurmel folgte ihm über den Strenzelbach und die flankierenden Wildblumenwiesen hinweg. Sie betraten die Kirche und gingen zur Sakristei, wo sie die Wendeltreppe nach unten stiegen und in den hohen Raum gelangten. Ehrfürchtig sammelten sich alle um den Literaturführer, es herrschte Schweigen. Die Beleuchtung war auf ein Minimum reduziert. Wie von Geisterhand schwebten plötzlich Simones Distanz-Elektro-Impulswaffe samt Fledermaus und ihr uraltes Handy durch den Raum. Die Formel des Energie-Impuls-Tensors blitzte an der Steinwand auf. Um die Raum-Zeit-Maschine hatte der Alexanderkirchenverein einen Zaun gebaut. Der Literaturführer erklärte, dass den Schlüssel dazu nur Schiller und seine Freunde sowie der jeweilige Erste Vorsitzende des Vereins besaßen. In der Luft lag ein Hauch Parfüm, so als wäre vor kurzem jemand im Raum gewesen.

Der Literaturführer zog ein Buch heraus, den berühmten „Marbacher Folgeroman“, und las der gebannt lauschenden Gruppe Stellen aus den Kapiteln vor, die hier unten spielten. Nach einer Weile, in der es mucksmäuschenstill war, klappte er das Buch zu.

„Um Ihnen ein möglichst authentisches Bild von den damaligen Vorkommnissen zu vermitteln, nehme ich Sie jetzt durch einen der Tunnel bis zur Lederfabrik Oehler mit, bitte folgen Sie mir.“

Auch hier war es schummrig, zudem kalt und feucht. Aus der Ferne hörte man manchmal Geräusche, die sich nach Motoren anhörten, ansonsten war es still. Der Boden war uneben, und manche Stellen waren so eng, dass man sich seitlich hindurchschieben musste. Nicht umsonst hatte es in der Beschreibung des Literaturspaziergangs geheißen, dass man keine Platzangst haben dürfe. So abenteuerlich alles war, so froh schienen die Teilnehmenden, als sie wieder ins Freie kamen.

„Den Weg bis nach Benningen habe ich Ihnen erspart. Da der untere Teil dieses Nachbarorts im Zuge der Landesgartenschau und der Renaturierung des Neckars aufgegeben und geflutet wurde, um einen See samt Biotop anzulegen, hätten wir den originalen Weg nicht mehr laufen können. Bevor wir zum Neckar kommen, möchte ich Sie dort oben noch auf die Mauergärten aufmerksam machen. Dort weihte Charlotte Frieder Schüler zu abendlicher Stunde unter anderem in die Geheimnisse des Energie-Impuls-Tensors ein.“

Ehrfürchtige Blicke wanderten die Stadtmauer hoch, doch schon bald setzte sich die Gruppe in Bewegung. Vorbei an der Lederfabrik Oehler, deren futuristisch wirkende Fenster auch jetzt bei Tag hell erleuchtet waren und den Blick auf zahlreiche Outlet-Besucher freigab, sowie am Stadtmuseum, das in aufwendig sanierten Gebäuden des unteren Mühlwegs unterbracht war, ging es zum Mühlkanal. Der Steg, der darüber führte und am Neckarufer endete, lag ruhig in der Nachmittagssonne, von den Radfahrern früherer Zeiten war nichts zu sehen. In den Neckarauen spielten Kinder, an der Nachtigalleninsel hatten einige bunte Kanus festgemacht, ein Ruderboot schoss schnell an ihnen vorbei.

Der Literaturführer ließ den begeisterten Mitspaziergängern nicht viel Zeit für ihre bewundernden Blicke, sondern scheuchte sie uferaufwärts, vorbei an einem Biergarten bis auf die Höhe der Literaturmuseen. Hier tat sich ihnen ein wunderbares Bild auf. Direkt unter dem alten Schiller-Nationalmuseum war das große Fenster des Museums des 21. Jahrhunderts zu sehen, und darunter, eingemeißelt in den Fels, blickten ihnen die überdimensionalen Gesichter von Schiller-Schlüter, Simone, Charlotte, Caroline und Goethe entgegen.

„Darf ich Ihnen vorstellen: Mount Marbach.“

Die „Ahs“ und „Ohs“ wollten nicht enden, aber der Literaturführer wollte zum Ende kommen und unterbrach sie.

„Wir sind hier am Ende angekommen. Dank des Tunnelsystems unter Marbach konnten ja sämtliche Fortbewegungsmittel aus der Stadt und von der Landesstraße verbannt werden. Sie können nun über den Kanal hinweg entweder den Aufzug nach oben nehmen oder die Serpentinen hochspazieren. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in der Weltstadt der Literatur.“

Der Applaus war groß, und der Literaturführer schien ihn zu genießen. Während sich die Gruppe noch umsah und allmählich zum Mount Marbach in Bewegung setzte, löste sich eine schlanke Frau, die immer etwas am Rand der Gruppe gestanden hatte, von ihr. Sie suchte kurz etwas in ihrer Tasche, zog ein größeres Buch hervor und schloss sich dem Literaturführer an, der sie gut zu kennen schien. Die beiden hielten auf den Biergarten zu. Offenbar war dem Literaturführer kalt, denn er holte einen weißen Schal aus der Jackentasche und legte ihn sich um, bevor sie sich ein paar Leuten näherten, die sie im Biergarten herzlich begrüßten.

***

Schlüter legte die Hände auf die Tasten. Einmal mehr machte er sich bewusst, was es für ein Glück gewesen war, dass er über den Steg in die Tiefen des Neckars gestürzt war und seine Wurmlochhalluzination gehabt hatte. Natürlich auch, dass die Feuerwehr rechtzeitig zur Stelle gewesen war, sonst säße er jetzt nicht hier, müde und doch sehr zufrieden mit seinem fertigen Manuskript. Langsam und ruhig, wie er sich den Roman ursprünglich vorgestellt hatte, war er nicht geworden, das behielt sich Schlüter für das Alter vor. Auch war er nicht aus einer Welt, die nicht mehr existierte, sondern eher aus einer Welt, die noch nicht existierte. Sex und Crime gab es in seinem Werk ebenfalls nicht, Schiller war nicht von Goethe umgebracht worden, was sich hinter verschlossenen Schlafzimmertüren abspielte, hatte er nicht verraten. Das war auch egal, denn der schrecklich blasierte Verlagsmitarbeiter konnte ihm gestohlen bleiben. Er brauchte dort nicht zu veröffentlichen, schließlich hatte der Marbacher Stadtmarketingverein den Roman für die Aktion MARBACH HANDELT mit Begeisterung angenommen und ihm für die 18 Kapitel und all die Seiten, die er füllte, sogar herzlich gedankt. Ja, Marbach war eben etwas Besonderes.

DAS ENDE

Die Autoren

Raus aus dem Sitzungssaal, hoch aus dem Sofa und auf zu lockerem Genuss von Literatur – das Team von „LitSpaz“ führt bereits seit 1998 auf literarischen Spuren durch die Region Stuttgart. Stadtzentren, Klöster, Weinberge und der Zoo, nichts ist vor ihnen sicher. Dabei treffen sie auf Schiller und Mörike, Hildegard von Bingen und Caroline Schlegel-Schelling, dichtende Sportler und schwimmende Hölderlintürme. Normalerweise begeben sie sich in Marbach auf einen Spaziergang, auf denen sie den literarischen Spuren der Vergangenheit nachspüren, für den Marbacher Folgeroman ließen sich Andrea Hahn und Heiko Kusiek aber eine etwas andere Form von Spaziergang einfallen.

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