4. September 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XVII

Die Stadt schien vergessen…

von Rüdiger Müller

Zurück zu Kap. XVI

Hatte Schiller mir gerade tatsächlich zugezwinkert? Der weiße Schal …. War es womöglich gar nicht Schiller oder Goethe? Die Ikone Maximilian Schell, der große Romancier des deutschen Kinos und Frauenheld, oder Frank Schätzing, der Schwerenöter, in Marbach? Vereint mit Schiller, Goethe, Charlotte und Caroline …?  Großes Kino oder Schwärme von blinden Fischen?

Blitzschnell reagierte Simone, ein dumpfes Geräusch ließ sie aufhorchen … War das endlich der Durchbruch? Die Raum-Zeitmaschine am Ende des Tunnels? Ein erster warmer Sonnenstrahl traf ihr Gesicht. Es kam ihr vor, als tippe ihr ein Geist gegen die Stirn, nicht unerfreulich, nicht aggressiv. Simone sah auf, sah alle versammelt, den gesichtslosen und langweiligen Finanzberater des Verlages, der nur die Dollarzeichen auf der Stirn geschrieben stehen hatte, Frieder Schüler, ein gescheitertes Genie, Hegel, der große Zampano der Freiheit, das geheimnisvolle Buch von Umberto, die Pseudodoxia Epidemica …

Marbach war im Kommen, eine Gemeinde im Aufwind, große Bauvorhaben sollten die Stadt am Neckar zu einer führenden Metropole der Region machen. Die Tunnelbohrungen im Bereich der Marktstraße und dem Bildungszentrum Marbach schritten mächtig voran, der Bürgermeister war voller Elan und der Gemeinderat überschlug sich vor Enthusiasmus … Die architektonischen Besonderheiten waren schon eine große Herausforderung … die Gegner der Modernisierung überboten sich in hanebüchenen Argumenten, mit kruden Verschwörungstheorien versuchten sie die Argumente gegen eine Weiterentwicklung der aufstrebenden Stadt zu unterlaufen, die Konsistenz des Mauerwerks würde die Stadt zum Einbrechen bringen, welch ein Unsinn … Stadtarchäologe Professor Dr. von Zittwitz war bemüht, in den Tiefen der Marbacher Kloake (oder war es unter der Glocke?) Beweise von ordentlichem Mauerwerk mit guter Substanz zu finden und eine verlässliche Prüfung des Grundwassermanagements zu gewährleisten. Am Montag der darauffolgenden Woche stieg er, von Simone begleitet, mit seinem Team und schwerem Gerät in die Tiefen der Marbacher Unterwelt. Nach wenigen Minuten erreichten sie den Bauabschnitt unter der Alexanderkirche. Plötzlich hörten sie ein lautes, klackerndes  Geräusch. Gespenstig, gespenstig, dunkel, verloren … Sie hatten jedes Zeitgefühl verloren und die permanente Dunkelheit führte dazu, dass man nicht mehr wusste, was nun real oder fiktiv war. Nach einiger Zeit fingen alle zu flüstern an, die Dunkelheit und die unklare Situation wurden nahezu unerträglich. Professor von Zittwitz murmelte seinem Team und Simone zu, sich langsam auf den Boden zu legen, es war … unglaublich  vor Ihnen stand eine riesige Raum-Zeitmaschine, ein Mechanismus des alten Antikythera*, ein Koloss, der die Welt in und um Marbach verändern würde. Die Wissenschaft wird Freudensprünge vollziehen, frohlockte Herr Professor von Zittwitz. Auch Simone schien nicht unglücklich über den Fund, ein Enträtseln von Raum und Zeit, von mathematischen Konstellationen, die uns bis dato völlig unbekannt waren, von Wurmlöchern, realen und fiktiven Persönlichkeiten, eine Einordnung der Welt, von Freiheiten, die Wahrheiten und die Bedürfnisse einer aufstrebenden Stadt.

In den Tagen nach der Entdeckung herrschte ein geschäftiges Treiben im Zentrum der Neckarmetropole, alle kamen zusammen, Schiller, Schüler, Goethe, Schätzing, Maximilian, Charlotte, Caroline, um die neueste Attraktion zu bestaunen und zu diskutieren.  Der Gemeinderat berief eine große Sitzung am Marktplatz ein, die Marbacher strömten zur Versammlung, es lag Veränderung in der Luft, ein Hauch von Revolution, von 68 … Simone, die Zugereiste aus der großen Stadt, fasste sich ein Herz und trat ans Rednerpult …

* Antikythera,  die Idee der antiken Maschine ist alt, in diesem Fall hat es aber einen prominenten Vorläufer in einem Buch und in einer Stadt, die auch einmal zur Metropole mutieren wollte… Heinrich Steinfest‘s „Wo die Löwen weinen“.

Fortsetzung folgt am 11. September: LitSpaz

Der Autor

Rüdiger Müller, ein „Neigschmeckter“, 66 geboren, erst seit zwei Jahren in Marbach, hat die Stadt schätzen und lieben gelernt, so, dass er sich beim Stadtmarketing Marbach engagiert. Hauptberuflich arbeitet der studierte Historiker in einem Stuttgarter Verlag als Programmleiter.

(c) Rüdiger Müller, Marbach