28. August 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XVI

Substanzverlust

von Heike Breitenbücher

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Moment, die hagere Gestalt da vorne mit der altertümlichen Kleidung und dem weißen Schal. Ist das nicht…? Eine Stadtführung am frühen Morgen? Nein, die Gestalt war alleine, keine Touristen folgten ihr. Der weiße Schal wehte wie eine Nebelschwade hinter der huschenden Gestalt her. War es Schiller? Wohin eilte er? Wo kam er so plötzlich her? Wo hatte er sich in der Zwischenzeit versteckt? Hatte er Angst, und wurde er etwa verfolgt? Von Goethe? Warum eigentlich? Nichts ergab mehr einen Sinn! Die Erklärungen von Wurmlöchern, Zeitreisen, Gängen – einfach nur im Chaos der Zeiten, ohne Ziel, ohne Idee? Sex und Crime im Jahre 2020 – benötigen wir aus diesem Grund wirklich einen Schiller, der durch Wurmlöcher auf Zeitreise geht? Wenn es danach ginge, könnten wir Sex und Crime in Hülle und Fülle per Wurmloch ins 18. Jahrhundert schicken. Charlotte und Caroline als Femmes fatales im Jahr 2020 – na mal ehrlich!

Folgte ich die ganze Zeit einer völlig falschen Spur? Hatte erst mein Bad im Neckar und die daraus resultierende Bewusstlosigkeit meine Sinne für die großen Zusammenhänge geschärft? Warum kamen Schiller, Goethe, Charlotte, Caroline gerade jetzt nach Marbach? Irgendwo hatte ich gelesen, dass Wurmlöcher nach dem Osmose-Prinzip funktionieren. Der Konzentrationsunterschied zwischen beiden Öffnungen des Wurmloches kann nur durch den Fluss der Substanzen ausgeglichen werden, die aufgrund ihrer Eigenschaften die Membran passieren können. Konnte mir diese Erkenntnis weiterhelfen? Die Substanzen waren wohl in diesem Fall die ganze Sippe rund um unseren Schiller. Was hatten sie für Eigenschaften, die sie die Membran überwinden ließen?

Nachdenklich ging ich durch die Mittlere Holdergasse, dann durch die Obere Holdergasse, endlich stand ich vor dem Rathaus und blickte die Marktstraße empor. Ich wiederholte beinahe wie ein Mantra:

„Osmose, Eigenschaften, Membran, fehlende Eigenschaften, Substanzverlust, ausgleichen, Substanzverlust, Substanzverlust!“

Mein Atem wurde schneller, mein Mantra immer lauter! Einzelne Fenster öffneten sich in Richtung Marktstraße. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich laut geschrien hatte:

„Substanzverlust!“

Das musste die Lösung für das große Rätsel um die verwirrenden Ereignisse der letzten Wochen sein. Ja, klar! Das ergab einen Sinn. Durch den Substanzverlust in Marbach war ein Unterdruck entstanden. Das Wurmloch hatte sich geöffnet, der Konzentrationsunterschied war zu heftig geworden, alles war in Bewegung geraten, der Geist des 18. Jahrhunderts war durch die Membran gezogen worden. Friedrich Schiller hatte wohl dem Eingang zu nah gestanden, mit ihm war seine Entourage in die Tiefen bis nach Marbach gezogen worden.

Mein Puls beruhigte sich. Ein neuer Gedanke machte sich breit in mir:

„Schillers Geist ist zurück in Marbach!“

Mich erfasste ein unglaubliches Glücksgefühl! Der Substanzverlust würde umkehrbar sein, mit dieser Unterstützung könnten wir es schaffen! In die leeren Geschäfte könnte neues Leben einziehen, Menschen würden zurück in die Marktstraße strömen, Alte würden auf den Bänken sitzen und das Treiben beobachten, Kinderlachen und Kindergeschrei! Ich hörte schon das Klappern von Geschirr auf den Tischen vor den Gasthöfen, ich roch Gewürze, Tee, Kaffee, alte Bücher, neue Bücher, Schinken, Käse und frische Äpfel. Ladenbesitzer riefen sich scherzende Worte von Eingang zu Eingang zu. Jeder wollte Teil dieser Gemeinschaft sein, ein Schwätzchen halten, Freiheitsgedanken lautstark äußern, die Kehrwoche revolutionieren, kleine und große Gedanken spinnen, einkaufen, verkaufen, verweilen, eilen!

Und da war sie wieder! Die hagere Gestalt, die altertümliche Kleidung, der weiße Schal. Was war das? In meinem Kopf formten sich neue Worte. „Substanzverlust“ wurde zu Mut, Aufbruch, Aufbegehren, Tatkraft! Hatte Schiller mir gerade tatsächlich zugezwinkert?

Zu Kap. XVII: Autor Rüdiger Müller

Die Autorin

Heike Breitenbücher wurde 1967 in Marbach geboren und ist hier aufgewachsen. Immer noch in Marbach und gerne in Marbach. Verheiratet und zwei erwachsene Söhne. Industriekauffrau und technische Übersetzerin, Studium Öffentlichkeitsarbeit. Seit 21 Jahren im Marbacher Gemeinderat, Trainerin und Sportvorsitzende im Marbacher Ruderverein und als Referentin beim Landesruderverband tätig. Ganz schön viel „Marbach“ im Lebenslauf: prima!

(c) Heike Breitenbücher