21. August 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XV

Aus dem Neckar gefischt

von Dr. Ekkehard Graf

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Gott sei Dank! Die Marbacher Feuerwehr! Zur rechten Zeit zur Hilfe! Wie gut, dass die vorletztes Jahr ihr neues Rettungsboot erhalten haben. Und wie gut, dass die Einsatzfahrer des Rettungsboots trotz Corona-Einschränkungen ihre Übungen auf dem Neckar absolvieren. Der Käscher der Floriansjünger hat mich aus dem trüben Neckar gerettet!

So weit, so gut – aber damit wäre mein anderes Problem noch nicht gelöst: Ich bin ein Fisch! Dazu noch auf dem Trockenen. Hätte ich noch Hände, würde ich mich jetzt kneifen, um zu testen, ob dies alles nicht doch nur ein literarisch inspirierter surrealer Traum ist und um endlich daraus aufwachen zu können: Schloss Solitude und Schillers weißer Schal, Charlotte und Caroline auf einen Schlag, quasi als doppeltes Lottchen, dazu noch der stets besserwisserische Alte von Weimar…

Hätte ich einen, so würde ich meinen Kopf schütteln: Wurmlöcher, geheimnisvolle unterirdische Gänge unter der altehrwürdigen Alexanderkirche, von denen noch nicht einmal der Verein zur Erhaltung der Alexanderkirche weiß, Raum-Zeit-Kreuzungen, Distanz-Elektroimpulswaffe, sex and crime … Also wirklich, wohin soll all das führen?

Auf jeden Fall wieder zurück auf Marbacher Boden. Dort drüben in Benningen bei den alten Römern und gemeingefährlichen Radfahrern war es wirklich ungemütlich. Sieh da, im ersten Licht der Morgenröte zeichnet sich die vertraute Silhouette des Schiller-Nationalmuseums ab. Erinnert irgendwie an die Solitude. Dort, wo das alles angefangen hat. Aber dass ich als ein Fisch enden soll … Nein, das kann und darf nicht sein.

Schröder spürte einen unangenehmen Druck auf der Brust. Langsam öffnete er die Augen und sah über sich zwei schwer atmende rote Köpfe. In diesem Moment entwand sich ein Schwall trüben Neckarwassers seiner Lunge, er musste prusten und husten. Schlimmer als der kränkelnde Schiller.

„Willkommen zurück“, rief einer der roten Köpfe erfreut. „Wie schön, dass Sie wieder zu uns zurückgekommen sind! Sie dachten wohl, Sie seien ein Fisch!“

So langsam dämmerte Schröder, was sich hier abspielte. Er lag wohl am Bootshaus auf dem Boden und wurde gerade wiederbelebt. Die Feuerwehrler haben ganze Arbeit geleistet. Die Verwandlung in einen Fisch hatte nie stattgefunden. Sein Sturz in den Neckar, der Luftmangel, das hatte ihm die Sinne geraubt und eine verrückte Geschichte vorgegaukelt. Gerade noch rechtzeitig wurde er von der Feuerwehr aus dem Wasser gezogen, bevor er ganz in Richtung literarisches Walhalla gezogen wäre.

Gellendes Martinshorn, zuckende blaue Blitze am rötlichen Morgenhimmel, eifriges Türenklappern, geschäftiges Treiben, harte Stiefeltritte. „Seit ihr nicht mehr am Marbacher Krankenhaus stationiert seid, kommt ihr immer zu spät,“ rief einer seiner Lebensretter. Der Notfallsanitäter entgegnete zerknirscht: „Das haben wir uns ja auch nicht ausgesucht. Aber wenn die ein Krankenhaus nach dem anderen zumachen, was sollen wir da schon machen? Es wird dadurch alles nur noch hektischer und unpersönlicher.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern.

Lokalpolitik, Kirchturmpolitik, dachte Schröder, hat denn diese Kleinstadt keine anderen Sorgen? Da hatte ein so großer Dichter hier das Licht der Welt erblickt und die zerfen sich wegen des Krankenhauses. Andererseits haben die doch auch Recht. Das wurde eben demselben Prinzip geopfert wie mein Marbacher Fortsetzungsroman: es zählt nur Cash! Traurig aber wahr.

Keuchend erhob sich Schröder und lehnte es ab, ins Ludwigsburger Krankenhaus transportiert zu werden. Nach dem unfreiwilligen Unterwasserbad war er jetzt wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er musste sich unbedingt auf die Suche nach diesem obskuren Herrn Goethe machen. Der unseren Schiller auf dem Gewissen hat.

Über den ehemaligen Bahndamm rüber zur alten Mühle und den Mühlweg hinauf führte ihn sein Weg in die Altstadt. Wenn einer Schiller schaden möchte, dann ja wohl bei dessen Geburtshaus oder in der Stadtkirche, in der einst der kleine Genius seine Taufe empfing. Die Sonne tauchte die langsam erwachende Altstadt in ein unwirkliches Licht …

Moment, die hagere Gestalt da vorne mit der altertümlichen Kleidung und dem weißen Schal. Ist das nicht…?

Zu Kap. XVI: Autorin Heike Breitenbücher

Der Autor

Dr. Ekkehard Graf, geboren 1967, ist neckaraufwärts in Untertürkheim aufgewachsen. Er studierte in Tübingen Theologie und promovierte in Dortmund. Seit 2018 ist er evangelischer Dekan in Marbach. Ehrenamtlich engagiert er sich aktiv bei der Freiwilligen Feuerwehr Marbach. In seiner Freizeit liest er gerne Historisches und Comics (Danke, Jolanda Obleser!).

Dr. Ekkehard Graf