7. August 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XIII

Nachts auf der kleinen Brücke

von Prof. Dr. Sandra Richter

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Das Surren kam näher. Mal klang es scheppernd, dann wieder dumpf, gefährlich, wie ein übergroßer Bienenschwarm. Stimmen zerstörten die nächtliche Ruhe. Ein großer Vogel erhob sich aus den Baumwipfeln und flog davon, floh die rasende Meute.

Er blinzelte an grellen Scheinwerferlichtern vorbei. Es wurden immer mehr. Räder und Radfahrer, Radfahrer und Räder. Soweit das Auge reichte. Sie riefen, grölten, hechelten; sie strampelten, als ginge es um ihr Leben. E-Bikes, Rennräder, teuer bezahlter Sportsgeist. Geschmeidig glitten sie aneinander vorbei. Rissen die Wasserflaschen aus der Halterung, übergossen sich mit kühlem Nass, fuhren weiter, überholten sich, rissen die Hände hoch vor Begeisterung. Tour de Neckar. Lieblich war einmal.

Sein Herz klopfte. Er war mittendrin. Ein einsamer Spaziergänger zwischen Felgen, Lenkern, schlammverspritzenden Knien. Wehrlos dem strampelndem Element ausgesetzt. Arglos. Er wollte doch nur – beinahe hätte ihn ein besonders stilvoller Carbonesel zu Boden gerissen. „Sie… sie!“, rief er der pfeilschnellen Mensch-Maschine hinterher. Er kannte sich nicht mehr aus. Wo war rechts, wo links, geradeaus? Er drehte sich um.

Wo tagsüber Eltern Kinderwagen schoben und Schüler von einer auf die andere Flussseite liefen, war kaum mehr ein Fleckchen Erde zu erkennen. Der Asphalt schmolz in der Gluthitze. Ihm hatte sich das Bild eingebrannt: Die Wiesen waren braun von der sengenden Sonne; Römertrümmer erinnerten an vergangene Knechtschaft. Die große Buche ging ein vor Dürre. Vergeblich suchte er sie, stolperte über die eigenen Füße, fing sich wieder auf, wagte sich nach vorn, wich einer Ganzkörperuniform aus, von der man nicht mehr sagen konnte, was sie da fuhr. Schnell warf er sich zurück, verlor das Gleichgewicht, strauchelte, verfing sich in Felgen, riss zahlreiche Radfahrer zu Boden. Sie traten, schlugen um sich, fluchten, schrien vor Ärger und Schmerz.

Er fiel über das Geländer der kleinen Brücke, fiel und fiel. Kopfüber in das schlammige Element, mäßig belastet, Güteklasse II. Es stank. Eine Mischung aus Spülmittel und Abwasser. Unweit tutete ein Kahn.

Zu Kap. XIV: Autorin/Zeichnerin Jolanda Obleser

Die Autorin

Sandra Richter, geboren 1973 in Kassel, studierte in Hamburg, u.a. Germanistik. Sie schreibt üblicherweise keine Literatur, sondern Fach- und Sachtexte wie etwa das Buch „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ (2017). Seit 2019 leitet sie das Deutsche Literaturarchiv Marbach.

Sandra Richter, (c) Chris Korner, DLA Marbach

Sandra Richter, Foto: Chris Korner, DLA Marbach