31. Juli 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XII

Es passiert etwas

von Prof. Dr. Heike Gfrereis

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„Auf Wiedersehen, Herr, Herr …“

„… Herr Goethe.“

„Wie – DER Herr Goethe, der andere von Schiller, der kleinere, dickere?“

„Nein, natürlich nicht der.“

„Hmmmm, schade. Der war nämlich bei seinen Zeitgenossen auch wenig erfolgreich als Bestseller-Autor. Mit Räubergeschichten wie sein Schwager und dieser Schiller hatte er es nicht so. Nur bei seinem ersten Roman, dem Werther, begingen gleich massenhaft Leser Selbstmord. Gelbe Hose, gelbe Weste, blauer Rock … Der Werther-Effekt.“

„Sie sollen aber keinen Roman mit Effekt schreiben, Schröder, sondern einfach nur einen, der Geld in die Kasse bringt. Oder schafft man das in Marbach nicht? Zu viel Papier, zu viel Phantasie?“

Schröder hörte Goethe schon gar nicht mehr zu, er dachte schon über seinen Roman nach. Wie er dort die Schönheit der Welt beschreiben würde, den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, den milden Duft des Frühlings und den herberen des Herbstes, den Schnee, wie er auf die Wangen fällt und schmilzt und alles um uns herum sanft und still zudeckt, den Regen, wie er uns im Sommer den Geruch der Erde bewusst macht. Sommersonnenregen. Winterschneestille, Frühlingsluft und Herbstlaub. So stellte er sich seinen Roman vor. Eine Feier des Lebens. Voll mit glücklichen, verzaubernden, berührenden Augenblicken. Langsam und ruhig. Wie aus einer Welt, die es nicht mehr gab. Vom Kleinen zum Kleinen wandernd, den Veilchen und Primeln, den Hasenglöckchen und Wildtulpen. Eher wie Adalbert Stifters „Nachsommer“. Nicht so hektisch wie Schillers „Räuber“ und Goethes „Götz“. Einen Altersroman wollte er schreiben, kein Sturm- und Drang-Drama. Er wollte so schreiben, dass alle, die diesen Roman lesen, so ruhig werden, als schliefen sie am Meer und lauschtem dem gleichmäßigen Hin und Her der Wellen zu, so dass ihr Atem allmählich eins wurde mit den Bewegungen des Wassers. Hin und her, hin und her, vor und zurück, atmen, schlafen.

***

Das Telefon klingelte plötzlich und unerwartet. Schröder nahm ab, kniff seine blauen Augen zusammen und verfärbte sich gelb. „Wie jetzt, was, wo? Nein, wirklich? Tatsächlich? Unglaublich. Cherchez la femme. Das stimmt in diesem Fall ganz sicher auch wieder. Hinter jedem Mord steckt eine Frau. Natürlich. Immer. Grundsätzlich. Da brauchst du gar nicht weiter nachzufragen. Das liegt auf der Hand. Wobei. Der Schiller soll ja sein Problem damit gehabt haben. Mit Frauen. Lieber zwei als nur eine. Hmmm, Caroline und Charlotte waren zu allem Übel auch noch Schwestern. Am Ende hat er dann doch nur eine heiraten können. Aber das ihn dafür der Goethe umgebracht haben soll? Meinst du? – Wie, jetzt? Er liegt neben dir, der Schiller? Auf dem Boden, in gelben Hosen und längs gestreiften Strümpfen? Erschlagen von dicken Buch, auf dem auch noch „Goethe“ steht? Entsetzlich. Grauenvoll. Ganz frisch? Die Tür ist noch auf? Nun suchst du einen Herrn im gelben Sakko, blaue Krawatte? Ähhhhm. Ich muss flüstern. Da stand gerade noch einer neben mir. Ja, gelb, blau und sagte, er heiße Goethe. Hat gerade einen Krimi bestellt, in dem es vor alleim eines gibt: SEX and CRIME. Vielleicht erwisch ich ihn noch am Schlawittchen.“

„Moment, halt. Nicht wegrennen. Da müssen Sie jetzt durch, Herr Goethe. Sie haben Schiller umgebracht. Das weiß bei uns jeder. Hinterhältig. Heimtückisch. Da hilft Ihnen jetzt auch Frau Hahn nicht mehr heraus. Und nein: Ich auch nicht. Ich habe ja jetzt endlich, endlich meinen Krimi. Titel: …“

Zu Kap. XIII: Prof. Dr. Sandra Richter

Die Autorin

Heike Gfrereis wurde 1968 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren, wuchs in Ludwigsburg auf und studierte in Stuttgart, Tübingen und Marburg Germanistik und Kunstgeschichte. Sie schreibt, seit sie schreiben kann. Zuerst kleine Erzählungen, dann Gedichte und Essays und, seit sie seit 2001 in der Museumsabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach arbeitet, zahlreiche Ausstellungskataloge. Zuletzt erschien von ihr: Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie.

(c) Prof. Dr. Heike Gfrereis