23. Juli 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN XI

Boxenstopp

von Birger Laing

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„Guten Tag, Schröder, setzen Sie sich, und sagen Sie mir, was das ist?“

„Das ist der erste Teil meines Romans. Wo ist denn Frau Hahn, meine Lektorin?“

„Die hat gekündigt. Oder wir haben gekündigt, das ist doch egal.“

„Und wer sind Sie?“

„Ich bin von McKinley, mein Name tut nichts zur Sache.“

„Ach, regieren jetzt auch hier schon die Banken den Verlag?“

„Nicht die Banken, Schröder, die Zahlen! Und die regieren schon lange den Verlag, aber es hat wohl lange niemand danach geschaut. Zahlen! Schröder, Cash! Das macht einen gut gehenden Verlag aus. Nur das zählt. Das brauchen wir von den Büchern. Auch von ihrem Buch, Schröder: Käufer, Cash, gute Zahlen. Nur das! Qualität ist, was sich verkauft. Alles andere ist mir egal. Verstehen Sie? Was soll an schöngeistiger Literatur schön sein, wenn sie keinen Cash bringt?“

„Ja, das verstehe ich, deshalb habe ich ja den Roman geschrieben, er ist fast fertig, ich brauche nur noch ein paar Monate.“

„Schröder, das ist ja ein einziges Durcheinander da drin. Ich habe mal hineingelesen. Furchtbar, kein Sex, kein Crime.“

„Ich sollte einen Roman über Marbach schreiben, keinen Krimi. Kann ich mit dem Verleger sprechen?“

„Herr Unhold ist aus privaten Gründen für längere Zeit zuhause. Sie können mit mir sprechen.“

„Aber ich sollte einen Roman über Marbach …“

„Schröder, das interessiert doch niemanden, was Sie sollten. Zahlen, Cash, das interessiert. Liefern Sie mir einen Roman, den die Leute kaufen. Bringen Sie ein bisschen Sex rein.“

„Sex in Marbach?!?“

„Ja, und ein bisschen Crime.“

„Crime in Marbach?!?“

„Wo ist denn das Problem? Da sind doch schon gute Anlagen in ihrem Manuskript. Das mit der Zeit-Dingsbums-Schleife ist gut. Ich verstehe ja nicht so viel von diesen Stromsachen, aber das klingt spannend. Und diese Wurmlöcher habe ich mal im Fernsehen gesehen, die haben sie ja wirklich im Weltraum schon gefilmt, das kam auf RTL. Ganz beeindruckend. Aber Sex, Schröder, nur das interessiert mich, also die Leser, nur das bringt Cash. Ein bisschen Erotik da unter ihrer komischen Kirche. Diese Frauen, Charlotte und Carola …“

„Caroline“

„Ja, ja, Caroline, die könnte etwas schärfer sein!“

„Schärfer? Das ist die Frau von Schiller!“

„Ja, das ist vielleicht das Problem. Machen Sie was draus. Bisschen Sexappeal. Mensch, das können Sie doch. Und das mit der Fledermaus, Schröder, das ist eklig. Also, machen Sie mal ein bisschen Dampf im Kessel. Mal einen Mord unten im Gewölbe. Ich habe mal in Ihrer Vita gelesen. Sie schreiben doch so über Umwelt- und Verbrecherthemen …“

„Umwelt- und Verbraucherthemen!“

„Ja, ja, passt schon. Machen Sie was draus! Oder ein Mord im Marbacher Nachtleben.“

„Marbacher Nachtleben?!?“

„Aber irgendwas wird´s doch geben …“

„Es gibt ein Schiller-Museum und ein Literaturarchiv …“

„Ach, kommen Sie, da schlafen mir ja die Füße ein. Schiller, Museum, meine Güte. Und was für ein Archiv haben Sie da? Für Literatur? Sammeln die da gebrauchte Bücher oder was? Schröder, so wird das nichts. Was gibt es denn sonst in dieser Stadt?“

„Den Neckar.“

„Aha, Flussleichen …“

„Das Schillerdenkmal und Schillers Geburtshaus.“

„Jetzt lassen Sie doch mal den Schiller weg.“

„Aber der muss doch in den Roman. Ohne den bleibt nicht viel in Marbach.“

„Meine Güte, Schröder, Sie machen es mir ja nicht einfach.“

„Waren Sie denn mal in Marbach, Herr …?“

„Schröder, wenn Sie mal meinen Terminkalender sehen würden. Ich bin mehr mit Stewardessen zusammen als mit meiner Frau. New York, Tokio, Peking, Paris. Was glauben Sie, was da draußen los ist? Da geht es nicht so beschaulich zu, wie in Ihrem komischen Marbach. Termine, Termine, Sitzungen, Pitches, und immer wieder solche Ruinen wie dieser Verlag. Wenn wir nicht unterwegs wären, Schröder, dann wäre alles längst zusammengebrochen. Wissen Sie, wie lange ich nachts schlafe? Vier Stunden, wenn es hochkommt. Aber ich beklage mich ja gar nicht. Spätestens um fünf wartet der Fahrer, der mich zum Flug in irgendeine Stadt bringt. Schröder, Schröder, dagegen haben Sie es richtig gemütlich in ihrem Marburg.“

„Marbach!“

„Aber dafür verdiene ich auch gut. Sechsstellig, Schröder, und das nicht zu knapp. Will mich also gar nicht beschweren.“

„Apropos Verdienst, könnte ich denn jetzt den zugesagten Vorschuss bekommen?“

„Ein Vorschuss ist im Moment leider gar nicht drin. Nicht bei den Zahlen. Sie bekommen Ihr Honorar, wenn wir das Manuskript annehmen. Wenn!“

„Aber Frau Hahn hatte mit Herrn Unhold vereinbart …“

„Hatte, hatte, Schröder. Jetzt ist jetzt, und jetzt muss der Laden erst mal auf Rendite getrimmt werden. Also denken Sie daran: Cash, Cash und nochmal Cash. Dann können wir Freunde werden.“

„Und wenn Sie meinen Roman dann gar nicht annehmen?“

„Dann ist dann, Schröder. Jetzt schreiben Sie erst mal fertig. Und denken Sie an meine Worte. Bringen Sie noch einen Knaller rein! Bringen Sie ein paar Gangster rein. Nicht nur diesen Schiller und den anderen, den … äh, na ja, und ein bisschen Action, sprengen Sie was in die Luft oder lassen Sie die Kirche einstürzen, mir ganz egal. Wir brauchen Leser, Schröder! Und Mitte September will ich den ganzen Krempel auf dem Tisch haben, Mitte September und keinen Tag länger. Und wo kein Cash, da kein Honorar! Jetzt kucken Sie doch nicht so traurig, Schröder. Machen Sie sich an die Arbeit. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, Herr, Herr …“

Zu Kap. XII: Autorin Prof. Dr. Heike Gfrereis

Der Autor

Birger Laing – rund 10 Jahre Studium und Referendariat Jura und Philosophie, rund 20 Jahre in der Wirtschaft tätig, rund 10 Jahre Hausmann und nun hoffentlich noch 50 Jahre im Antiquariat Friedrich.

(c) Birger Laing

(c) Birger Laing