17. Juli 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN X

Quo vadis?

von Claus-Peter Hutter

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„Winther hin, Winther her“, schoss es mir durch den Kopf. Wie konnte ich mich nur in einer solch lebensbedrohlichen Situation an eine solche Dumpfbacke wenden. Aber so ist es nun mal, wenn man in der Fremde niemanden kennt. Mir fiel ein, dass ich ja die sonst geheim gehaltene Handy-Nummer von Kai Keller bekommen hatte. „Wer weiß, für was Sie es brauchen können“, hatte er bei meinem ersten Besuch in Marbach geheimnisvoll gesagt. Aber nachlässig, wie ich viel zu oft bin, nützte das jetzt sowieso nichts, denn ich hatte den Handy-Akku nicht genug aufgeladen, er war mittlerweile am Ende.

„Wir sind am Ende, ich weiß nicht mehr weiter“, rief Winther, und sein verzweifelter Schrei hallte zurück wie das Zeit-Echo zweihundertdreißigtausendjähriger Menschheitsgeschichte im Neckarland.

Warum nur hatte ich in Berlin schon gedacht, dass Winther im Profil irgendwie aussieht wie der Homo steinheimensis, den ich aus den Recherchen zu meiner neuen Wirkungsstätte im Internet getroffen hatte? Aber der Schädel von Steinheim gehörte ja nach den Feststellungen der Paläontologen einer Frau. „Egal, jetzt geht’s nur noch um’s nackte Überleben“, dachte ich. Ja, wenn ich überhaupt etwas dachte. Es ist doch immer wieder erstaunlich, was uns Menschen in Bruchteilen von Sekunden alles so durch den Kopf gehen kann. Winther war mir jetzt so egal wie Goethe, Schiller und die von Lengefeld-Schwestern. Schließlich war ich noch nie Mitglied im Club der toten Dichter, noch dachte ich nicht im Entferntesten daran, einer solchen Vereinigung beizutreten… Instinktiv entschloss ich mich, mein eigenes Ding zu machen und wie auch immer aus der verdammten Raum-Zeit-Falle zu entkommen.

„Nicht da!!“, hörte ich Winther noch schreien, aber das war mir egal. Ich rannte voran. Rannte wohl in einen anderen Seitentunnel des Labyrinths. Rannte in die Düsternis des Gewölbes, in das Dunkel der Geschichte. Wer mit dem Chaos in Berlin zurechtkommt, dem Chaos, von dem der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer sagt, das der, der die Grenzen zur Bundeshauptstadt überschreite, den zivilisierten Teil Deutschlands verlasse, wer das überlebt, muss auch das Chaos in der schwäbischen Provinz und deren Unterwelt überleben.

Während ich rannte, die jetzt gar nicht so hilfreiche Tasche aus Berlin eng an mich gedrückt, fiel mir gar nicht auf, dass es im dunklen Gewölbe nicht völlig dunkel war. Ja, so wie jeder Tag seine Licht- und Schattenseiten hat, hat auch die Nacht verschiedene Dunkelheiten. Irgendwie schien es ganz hinten im unendlich lang wirkenden Gang – war dies das schwarze Loch, der Energie-Hotspot des Zeit-Tunnels? – schummriges Licht zu geben. Das Geschrei der anderen, die mir wohl gefolgt waren, überschlug sich und hallte von den Steinwänden zurück wie das Echo vom Königsee. Nach wohl vierhundert, fünfhundert Metern war von Rennen keine Rede mehr. Mittlerweile watete ich durch kniehohes Wasser. Es roch irgendwie nach Gerbstoff und Leder. Glitschige Algen bedeckten die Steine, an manchen Stellen hingen quadratmetergroße Spinnwebmatten von der Decke. Es fehlten nur noch Schlangen, Skorpione und Skelette sowie brennende, rußende Fackeln für die filmreife Kulisse, wie wir sie aus den Indiana-Jones-Filmen kennen. Wasser tropfte, nein, ergoss sich vom Gewölbe des Zeit-Tunnels. War ich, waren die anderen weit hinter mir gar unterm Neckar angelangt? Das Wasser stieg. Noch eine Erschütterung und das war’s mit meinem Aufenthalt in Marbach. Ohnehin schon nass bis auf die Knochen rannte mir der Angstschweiß von der Stirn. Egal, vorwärts, vorwärts, vorwärts durch das Nass. Dann ein Ruf:

„Quo vadis?“, sagte der urplötzlich vor mir auftauchende Hüne.

„Stellen Sie sich erst einmal vor“, rief ich gleichermaßen frech wie mutig zurück. Hatte ich schon wieder einen Laien-Schauspieler vor mir, oder war es ebenfalls ein aus seiner Zeit katapultiertes Opfer der Raum-Zeit-Verwerfung?

„Ich bin Publius Quintius Terminus, Sohn des Lucius aus Sicca Veneria, dem ehemaligen Land der Kartharger, und Oberster der 24. Kohorte freiwilliger römischer Bürger und befehle die Soldaten des Kastelles und die Bewohner des Vicus Murrenses“, sagte der Römer in herrischem Ton. Und schon schälten sich hinter ihm stoisch blickende Soldaten, ausgestattet mit Kurzschwertern und Schildern aus dem Dunkel. „Quo vadis?“, wiederholte er seine Frage.

„Erst einmal, Simone, Simone aus Berlin“, stammelte ich, meinen ganzen Mut zusammennehmend. „Wohin ich will? Wohin wir wollen, wollen Sie wissen?“

Mittlerweile waren Winther, Schiller, Goethe, Charlotte und Caroline schnaubend, schwitzend und durcheinanderschreiend hinter mir angekommen.

„Spät kommt Ihr – aber Ihr kommt“, rief Schiller dazwischen.

„Quo vadis, quo irevis?“, fragte fordernd der Römer und ignorierte den Rotschopf.

„Wohin ich gehe, wohin wir wollen“, wiederholte ich. „Raus, raus aus der Zeitschlaufe, heim ins Heute“, sagte ich mit zitternder Stimme.

„So folget mir!“ Der Befehl kam so harsch wie die Anweisungen an die Soldaten, die sofort im militärischen Drill kehrtmachten und ungerührt im Tunnel voranschritten.

„Durch diese hohle Gasse mussten sie ja kommen“, quatschte Schiller dazwischen.

Ich ignorierte ihn wie die anderen. Nur noch raus. Plötzlich war kein Wasser mehr da und der Boden des Gewölbeganges schien anzusteigen. Wieder ein Beben, wieder wackelten Wände und Boden von einem Augenblick auf den anderen. Dann kehrte sich das Dunkel in milchig trüben Nebel, der ganz langsam den Weg freigab. Der Tribun war ebenso von der Bildfläche verschwunden wie seine Soldaten. War hier die unsichtbare Schranke einer Raum-Zeit-Grenze oder gar eine zweite Raum-Zeit-Kreuzung, welche in die Vor- und Urgeschichte führte?

Der Weg, der Tunnelweg wurde steiler und trockener. Es tropfte immer mehr von der gewölbten Decke. Dann Treppenstufen. Der einfallende Lichtschimmer blendete wie tausend Abendsonnen im Spiegel der Zeit. Ich kniff die Augen zu, tastete mich an der Wand entlang und stieg die Stufen hinauf. Dann stand ich im Freien an einer alten Mauer.

„Es wird Zeit, ich habe auf Sie gewartet“, sagte eine Stimme.

Ich schaute mich um. Eine schwere Sandsteinplatte lehnte an der Mauer. Rechts und links von mir Gräber. War dies der getarnte Ausgang des Zeittunnels?

„Und wo kommen Sie überhaupt her? – Warum kommen Sie überhaupt über den Friedhof?“, fragte der mittelalte Mann. Es war Kai Keller. Über ihn hinwegblickend sah ich das Benninger Rathaus. Mit seiner kubistischen Form und dem weißen Anstrich erinnerte es an Casablanca.

„Was soll das hier alles? Und was machen Sie eigentlich hier?“, fragte ich Keller harsch. „

Ja, wissen Sie denn nicht, dass hier auf dem Gelände des ehemaligen Römerkastells, das ab 85 n.Ch. den Limes sicherte, eine Gartenschau stattfinden soll? Hier sollen die Römer dargestellt werden und in Marbach auch Schiller.“

Ich muss wohl verdutzt ausgesehen haben. „Was Römer, was Schiller? Ja, wo sind eigentlich die Römer, und wo ist Schiller? Und wo ist jetzt Goethe und wo sind die von Lengefelds und wo ist Winther?“, fragte ich.

Während ich den Geschäftsführer der Marbacher Zeitung anstarrte und auf Antworten wartete, fuhr vor dem blauen Himmel eine rot leuchtende S-Bahn hinter dem Benninger Rathaus ein. Gleich würde sie ihren zeitgetakteten Weg Richtung Alexanderkirche fortsetzen.

Zu Kap. XI: Autor Birger Laing

Der Autor

Der Autor Claus-Peter Hutter, wurde 1955 in Marbach am Neckar geboren und ist auf der anderen Seite des Neckars in der alten Römer-Gemeinde Benningen aufgewachsen. Dem Neckarland mit seiner reichhaltigen Natur und Kultur treu geblieben, setzt sich Hutter aber u.a. als Präsident der Umweltstiftung NatureLife-International auch weltweit ein. Der Schewrpunkt liegt dabei auf Klimaschutz, Armutsbekämpfung und Biodiversitätsbewahrung durch Wiederaufforstung abgeholzter Regenwälder.

Beruflich leitet der Ehrensenator der Universität Hohenheim und Lehrbeauftragte der Universität Stuttgart die Umweltakademie des Landes Baden-Württemberg.

C.-P. Hutter, der als Jugendlicher seine ersten Artikel u.a. für die Marbacher Zeitung verfasste, ist Autor, Mitautor und Herausgeber von über 70 Büchern. Der Schwerpunkt liegt bei Umwelt- und Verbraucherthemen. Im April ist sein Report „Klimakrise – Die Erde rechnet ab“ als Taschenbuch im Heyne Verlag erschienen.

Claus-Peter Hutter, Photo by Thomas Niedermueller / www.niedermueller.de

Claus-Petter Hutter, Foto: Thomas Niedermüller (www.niedermueller.de)