10. Juli 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN IX

Gefangen im Erdlabyrinth

von Oliver von Schaewen

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Der Boden vibrierte immer stärker. Winther taumelte. Ein Erdbeben? Dieser Verdacht hämmerte sich wie ein Stahlnagel in sein Hirn. „Das gibt es doch nicht“, murmelte er paralysiert. Ein eisiger Luftzug riss ihm das Streichholz aus den Händen. Er verlor den Halt, stürzte, fiel auf die Knie. Um ihn herum ewige Nacht. Was, verdammt noch mal, war das?

***

Ich hätte wissen sollen, dass dieser Unterwelt nicht zu trauen war. Sie wirkte auf mich so morbide wie die Gestalten, die in ihr herumliefen. Dichter und Denker, die einfach nicht in unsere Zeit passten. Es war meine Pflicht, das Durcheinander zu verhindern. Goethe statt Slooterdijk – das funktionierte nicht! Wo war bloß die nächste Raum-Zeit-Kreuzung, um ihn und die anderen zurückzuschicken? Ich zog meine Mund-Nasen-Schutzmaske noch ein bisschen höher und erwartete angespannt den nächsten Stoß des Erdbebens, das in der Oberwelt Marbachs vermutlich nur schwach zu spüren war, aber in diesem sensiblen Untergrund aus Kalkstein verheerende Schäden anrichten konnte.

Wo blieb die Dumpfbacke nur? Ich fingerte erfolglos an der Nextorchlampe herum. Wenn er wirklich so viel über die Marbacher Unterwelt wusste, wie er damals in Berlin nach dem dritten Bier geprahlt hatte, dann müsste er bald hier erscheinen. Und dann dieses affige „Pronto“ am Telefon! Seltsamer Kauz…

Zu dumm, dass mein Handy nach dem letzten Telefonat keinen Saft mehr hatte! Nach dem Versagen der Lampe war es sowieso schon stockdunkel geworden, aber ohne fremde Hilfe konnte es hier unten bald zappenduster werden.

„Fräulein…“

Der alte Goethe schon wieder. Er ging mir auf die Nuss. Wohin sollte ich mit denen nur, wenn ich je den Weg aus dieser Höhlenhölle fände und sie nicht vorher entsorgen könnte? Die würden doch alle in die Psychatrie eingeliefert. Ich war froh über die zwanzig Meter Distanz zwischen ihnen und mir. Ich musste in Ruhe überlegen und rief mir die Ergebnisse meiner Recherchen im Internet in Erinnerung. Raum-Zeit-Kreuzungen waren an energetisch auffälligen Geo-Punkten zu finden. Einige Kommentatoren rieten, sich an Messverfahren zu orientieren, die der in Marbach geborene Gelehrte Tobias Mayer entwickelt haben sollte. Leider kapierte ich davon nicht viel.

„Hilfe, Hilfe!“

Lolo-Charlotte, das hysterische Frauenzimmer! Vielleicht war es sogar gut, dass sie so schrie. Wenn in Marbach an allen Ecken und Enden gebohrt und gegraben würde, hörte sie womöglich irgendjemand. Ihr Frieder schien sie nicht beruhigen zu können. Das sollte er leihweise Goethe überlassen, dem Experten für gefallene Damen, aber der hatte bestimmt schon genug mit Caroline zu tun. Der Riechsalz-Vorrat dürfte jedenfalls bald aufgebraucht sein.

Überhaupt diese überspannte Charlotte – wie sie bei ihrem Spaziergang gedankenlos Formeln gebrabbelt und damit die ganze Verwirrung mit ihrem Zeitensprung samt rothaarigem Frieder angerichtet hatte. Zeitensprung, Seitensprung… Was war von jemandem zu halten, der seiner Zeit untreu geworden und ihr entsprungen war? Der fehlte doch in seinem Primärleben! „Schiller nach Räuber-Uraufführung spurlos verschwunden“, formulierte ich leise im Stil einer Zeitungsredakteurin. Ein Lachanfall überkam mich, ich erstickte ihn, trocknete mir die Tränen mit einem Papiertaschentuch, das ich irgendwo in den Tiefen meiner Beuteltasche zu fassen bekommen hatte.

Wie viel Zeit blieb uns, um hier lebend herauszukommen? Ich wusste, es brachte nichts, in Panik zu verfallen. Hunger oder Durst plagten mich noch nicht, aber ich wagte nicht, mir auszumalen, wie es um den Sauerstoffvorrat im Höhlengewirr stand. Ich betrachtete die tote Fledermaus, die an den Drähten meiner Distanz-Elektro-Impulswaffe hing und verfiel in dumpfe Lethargie. Hatte ich wenige Minuten zuvor noch munter Formeln ausprobiert in der Hoffnung, die Raum-Zeit-Kreuzung zu finden und die ganze Dichterbagage samt Anhang zurückzubeamen, war mir nun klar: Es ging ums nackte Überleben, und zwar im Hier und Jetzt.

***

Winther kämpfte sich zum Ausgang zurück. Ein dicker Steinquader hatte sich vor das Gitter geschoben, durch das er eingestiegen war.

„Mist!“, fluchte er.

Reflexartig zog er ein Taschentuch aus seinen Engelbert-Strauss-Shorts und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Nokia 6310 hatte keinen Empfang. Er saß in der Falle, und höchstwahrscheinlich diese Simone auch. Er verfluchte den Tag, an dem er ihr in einem Anflug von Leutseligkeit von seiner frischen Entdeckung erzählt hatte, damals in Berlin. Er war sicher, dass sie sein Gelabere über Magnetfelder und Raum-Zeit-Kreuzungen für esoterisches Gespinne hielt. Okay, er hatte sich interessant machen wollen – und er gab zu, ihr Lächeln hatte ihm gefallen, er hätte gerne auf seine Weise einen Finderlohn für ihr heruntergefallenes Portemonnaie angenommen. Warum nur war sie nach all den Jahren hier aufgeschlagen und drang in sein kleines Geheimnis ein? Natürlich, es kursierten im Internet einige Theorien, aber wer nahm die schon ernst – sie jedenfalls hatte einen Einstieg ins System gefunden. Und er war wie ein Trottel hinter ihr hergetrabt. Jetzt hatte er den Salat!

„Hilfe, Hilfe!“

Schreie einer Frau drangen schwach zu Winther. Simone? Er steckte das Taschentuch weg und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Es leuchtete ihm ein, dass er sich jetzt wie einst Tom Sawyer auf den Weg zu einem weiteren Ausgang des Höhlensystems machen musste, dessen Komplexität er trotz regelmäßiger Exkursionen immer noch nicht überblickte. In seinem Gehirn ratterte es. Er war schon seit einigen Monaten nicht mehr hier unten gewesen. Ein komplizierter Weg lag vor ihm.

***

Was für ein unwirtlicher Locus! Aber mein Weib Charlotte, meine Muse Caroline – und mein wahrer Freund Johann Wolfgang harrten an meiner Seite! Wären die Umstände nicht so überaus perspektivlos gewesen, mein Fortune hätte nicht extraordinärer sein können. Unsere Wiederkehr eröffnete Johann und mir die Chance, unser dramaturgisches Werk weiterzuführen, der Welten Lauf erneut entscheidend zu beeinflussen mit dem Ideal des Schönen, dessen jeder Mensch gewahr werden könnte, um damit dem Fürsten der dunklen Mächte die Seelen zu entreißen, die er gefangen hielt.

Gewiss, die Zeiten mochten sich geändert haben. Wie beängstigend groß doch Stuttgart inzwischen geworden war. Obwohl ich mich als Frieder Schüler seit einiger Zeit den heutigen Zirkumstanzen im Rahmen meiner Möglichkeiten angepasst hatte: Ich musste schon sehr auf der Hut sein, mich vor diesen höllisch-schnellen Blechkutschen in Sicherheit zu bringen, beim Traversieren der geglätteten, pflasterlosen Wege, die man „Straßen“ nannte und von ehernen Stangenaufbauten verschandelt wurden, auf denen zuweilen ein rotes, seltener ein gelbes und wieder häufiger ein grünes Licht aufleuchtete.

Apropos Hut – mich wunderte doch sehr, dass man mir mein Eigentum nicht aushändigte, als ich meinen Reisehut in einer Ausstellung namens „Hut ab!“ im Stuttgarter Haus der Geschichte wiederentdeckte. Man bestätigte mir zwar, dass dieser Hut einem gewissen Friedrich Schiller gehört habe und lange Jahre in dessen Geburtshaus ausgestellt gewesen sei, doch habe man das Haus in Marbach modernisiert – und der Reisehut würde eben nur noch zeitweilig ausgestellt. Auf meinen Einwand, man könne mir den Hut dann eben erst recht – und am besten gleich nach der Ausstellung – zurückgeben, erntete ich nur verwunderte Blicke.

Als ob ich habgierig wäre! Ich konnte mich schon immer leicht von Gegenständen trennen, wenn ich dadurch andere zu geistigen Höhenflügen verhalf. Diese Simone zum Beispiel, ihr habe ich in dem Buch „Pseudoxia Epidemica“ die verschlüsselte Originalhandschrift meiner „Räuber“ zugesteckt. Ja, ja, es stimmt: Ich entwickelte damals eine Geheimschrift. Mit diesem Despoten Carl Eugen war ja nicht zu scherzen. Wie ich nun durch manches Gespräch erfuhr, werden im Marbacher Literaturarchiv solche Originale gesammelt und von tüchtgem Geiste erforscht. Ich musste es Simone erklären, wenn die Zeit dazu reif war. Pekuniär würde der Verkauf dieser Handschrift von bestimmter Relevanz sein, und einen Teil des darob erzielten Vermögens mochte Johann Wolfgang, Caroline, Lolo und meiner Wenigkeit ein Auskommen in hiesiger Zeit bescheren! So könnten wir vielleicht eine poetische Wohngemeinschaft im schönen Marbach gründen…

***

Winther tastete sich weiter durch den stockfinsteren Gang unterhalb der Alexanderkirche. Er kannte ihn und erleichtert registrierte er, dass das Beben dort nur geringe Schäden angerichtet hatte. Aus den Hilferufen einer einzelnen Person hatte sich mittlerweile ein diffuses Stimmengewirr entwickelt. Ihm näherte er sich allmählich.

„Schon zu meiner Zeit, es war im Jahre 1755, ich war noch ein sechsjähriges Kind, suchte ein furchtbares Erdbeben die Weltstadt Lissabon heim.“

Verdammt, wer dozierte da mit kluger Scheiße? Winther schüttelte den Kopf und stellte fest, dass sein Taschentuch, das er behelfsmäßig um sein rechtes Knie gebunden hatte, blutdurchtränkt war. Er humpelte weiter den Stimmen entgegen.

„Ja, ich hörte auch davon, lieber Johann“, bestätigte eine Frauenstimme. „Es soll 60 000 Menschen das Leben gekostet haben, es gab eine riesige Flutwelle, und die Not war groß.“

„Die Tragödie von Lissabon. Wie konnte Gott das nur zulassen?“.

Winther erkannte eine zweite Männerstimme. Schönes Kaffeekränzchen!

„Ja, Fritz – wir waren alle erschüttert, über Jahrzehnte hinweg, die Theologen mutmaßten über ein Strafgericht Gottes, und nun ja, hatten es die Portugiesen nicht tatsächlich, wie auch die Spanier, als Kolonialmacht in Südamerika, etwas, wie soll man sagen, arg ausbeuterisch getrieben?“

Es war erneut der Oberklugscheißer. Winther verdrehte die Augen.

„Nichts läge mir ferner, als den liebenden Weltenherrscher für solche unfassbaren Unglücke verantwortlich zu machen. Ist es nicht der Mensch selbst, der aus niederen Trieben heraus das Unheil heraufbeschwört?“

Wieder diese vornehme Landadelige, die sich offenbar gerne selbst reden hörte. Winther hätte die Schwafelrunde am liebsten augenblicklich aufgelöst und mit einem ordentlichen Schluck aus dem Bierkrug im Meer des Vergessens versenkt.

„Genug jetzt mit eurer lang geweilten Historienschau – lasset uns nun über unsere aktuellen Befindlichkeiten reflektieren, so doch eine Solvatio der misslichen Lage von mayorer Priorität sei“, hörte er eine zweite Dame vorschlagen.

Schrecklicher Slang, stellte Winther missmutig fest, beschloss aber, weiter zu lauschen. Wo steckte bloß die Berliner Chaostussi?

***

In der Dunkelheit bekam ich jemanden am linken Arm zu fassen. Es musste der Idiot sein.

„Da bist du ja endlich!“ Ich war irgendwie erleichtert.

Winther zuckte zusammen.

„Salami-Brötchen?“, entfuhr es ihm.

„Hä? Bist du am Verhungern? Ich hab nix.“ Charly, so hatte er sich mir in Berlin vorgestellt, schien nicht gerade das Zeug zum Indiana-Jones zu haben, da war ich mir gleich nach den ersten Sekunden unseres Wiedersehens sicher.

„Schon klar. Wer sind die Leute da drüben?“ Er zeigte auf die diffusen Schatten von Schiller und Co.

„Raum-Zeit-Touristen aus dem 19. Jahrhundert – weißt du, wo und wie wir sie zurückbefördern könnten?“

Charly lachte trocken. „Sonst noch einen Wunsch? Arrhh…“ Ein stechender  Schmerz musste ihn durchzuckt haben.

„Was ist mit dir?“ Ich sah natürlich nix. Er stand leicht gebeugt vor mir.

„Alles halb so wild“, relativierte er schwer atmend mit der Hand am Knie.

„Kannst du uns rausführen?“

„Scheiße, ich weiß nicht – wir müssen in Richtung Strenzelbach.“

„Wie bitte?“

„Das ist der Hauptabwasserkanal vor dem Café Provinz!“

„Okay. Klingt schitti, aber ist bestimmt besser, als hier lebendig beerdigt zu werden.“ Im Grunde war ich doch froh, einen Gefährten zu haben.

„Ja, kann sein, dass wir bis zur Lederfabrik runter müssen. Das Problem ist, wir sind hier viel tiefer als der Kanal.“ Charly hustete, die Luft war dünner geworden.

Ich war mir nicht sicher, ob das alles gut ausgehen würde. Zumindest bis zur nächsten Raum-Zeit-Kreuzung mussten wir die anderen mit ins Schlepptau nehmen. Aber wer würde jetzt das Kommando übernehmen?

Zu Kap. X: Autor Claus-Peter Hutter

Der Autor

Oliver von Schaewen wurde 1965 im westfälischen Kreuztal (bei Siegen) geboren, studierte katholische Theologie in Münster und arbeitet seit 1997 als Redakteur bei der Marbacher Zeitung. Er hat beim Gmeiner Verlag bisher drei Schiller-Krimis veröffentlicht: Schillerhöhe (2009), Räuberblut (2010) und Glockenstille (2014). Am 9. September erscheint sein vierter Roman „Liebestrug“, in dem er die Standesdünkel von „Kabale und Liebe“ aufgreift.

Mehr Informationen unter www.oliver-von-schaewen.de

Foto: Werner Kuhnle