3. Juli 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN VIII

Winther

von Achim Seiter

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Winther saß auf einem klapprigen Holzstuhl des Cafés am unteren Stadtrand von Marbach. Ein Szenetreff in der Provinz. Winther fühlte sich nicht zugehörig. War eher ein Kauz. Wenig Kontakt zu anderen Menschen. Kontakte, die Winther nicht suchte. Und gesucht wurde Winther auch nicht.

So eine Art Duldung, wenn Winther meist alleine, einfach so dasaß. Schwieg. Winther liebte die Kühle des eiskalten Bierkruges und den ersten Schluck des Gerstensaftes. Wenn er gefragt worden wäre, was er beruflich so treibe, hätte er „irgendwas mit IT“ geantwortet. Ahnung davon hatte er nicht. Er malte sich in seiner Gedankenwelt eine Unterhaltung aus. Bei IT erwartete er keine Rückfragen. Antworten zu geben war eh nicht sein Ding. Gefragt wurde Winther nie etwas, nicht mal beim Metzger, ob es etwas mehr sein dürfe. Winther lebte von Tantiemen, die ihm sein Onkel mütterlicherseits mit der Melodie zu dem Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ eingebrockt hatte.

Winther wollte gerade zum nächsten Schluck Bier ansetzen, als sein Nokia 6310 vibrierte. Er hasste das klingelnde Geräusch eines Telefons. Übrigens auch das einer Fahrradklingel. Er wohnte maximal entfernt von den Kirchturmglocken. Das Läuten… schrecklich.

„Pronto“, erwiderte Winther auf die Vibration. Er wusste nicht wirklich, wie er ein Gespräch eröffnen sollte. Hatte keine Übung drin.

„Ich bin’s!“

„Wer ich?“, antwortete Winther mürrisch und kalt. Er machte seinem Namen alle Ehre. Nur mit „h“ eben.

„Simone“, antwortete eine flüsternde Stimme.

„Portemonnaie-Simone?“

Die Frage war von theoretischer Art. Winther kannte nicht viele Simones’ dieser Welt. Genau eine. Die von Berlin. Na prima.

„Ja, Mann.“

Winther hatte vor Jahren – in einem Berliner Café-sitzend und ein Bier trinkend – einer jungen Dame ein „Hallo“ hinterhergerufen, die kurz zuvor ihr Portemonnaie verloren hatte. Sie hatte sich bedankt. Sie waren ins Gespräch gekommen. Hatten ihre gemeinsame Liebe für Salami-Brote entdeckt. Winther hatte sie noch fragen wollen, woher die kleine Narbe am Unterarm stammte. Winther interessierten die kleinen Dinge. Die Nebensächlichkeiten. Dafür hatte er ein Auge. Gefragt hatte er nicht. Er hatte ihr seine Nummer gegeben. Sie hatte sich wegen Finderlohn melden wollen. Hatte sie nicht. Wieso auch.

„What the hell willst du?“

„Du lebst doch in Marbach.“

„Ja und?“

„Ich habe ein kleines Problem“, flüsterte Simone und schilderte in kurzen leisen Sätzen ihre verzwickte Lage. „Du kannst doch IT und kannst mich sicherlich anpeilen, Winther?“

„Verdammte Scheiße“, dachte Winther und war im Nachhinein mit sich selbst sauer über seine saublöde Idee mit der IT-Nummer.

„Mhhh, lass mich mal überlegen.“ Winther hatte keinen Schimmer. Keinen Plan und der Bierkrug war noch halbvoll.

*****

„Mist!“ Ich war dankbar, dass die Dunkelheit mich vor weiteren irritierenden Fragen gerettet hatte. Aber was nun? Der einzige Marbacher, den ich kannte, war ein lethargischer Idiot. Hilfe war nicht zu erwarten. Zudem schuldete ich ihm noch etwas. Meine Ausgangslage hätte eine bessere sein können.

„Ruhig Simone. Tief durchatmen“. Im absoluten Notfall hatte ich ja immer noch die Distanz-Elektro-Impulswaffe.

Im Hintergrund hörte ich Schiller hustend sagen, dass Charlottes Ohnmacht halb so schlimm wäre. Etwas Riechsalz, dann komme die gute Lolo, wie Schiller sie liebevoll nannte, wieder auf die Beine. Gesagt getan. Während Goethe vor sich hin murmelte: „Was meinen das Fräulein mit Systemrelevanz und wo ist das Fräulein?“

Wenn Goethe mit sich und Schiller mit Charlotte beschäftigt waren, gewann ich etwas Zeit, und die Dunkelheit sprach für mich. Ich musste raus an die Sonne. Aber in welche Richtung?

„Fräulein, Fräulein …“, hallte es durch den Raum und die Zeit, währenddessen im Café am unteren Stadtrand von Marbach wohl ein Platz frei und ein Bierkrug leer geworden war.

Minuten vergingen, oder mehr. Es war leise im Gewölbe. Ab und zu ein Tropfen, der sich an der niedrigen Decke löste und auf den Kalkstein-Boden knallte. Stockdunkel. Hin und wieder das kränkliche Hüsteln von Schiller. Ich machte mich klein und überdachte meine Situation. Was war der Inhalt des Buches? Wieso hatte Schiller ausgerechnet mir das Buch in die Tasche gesteckt?

*****

Aufbruch. Einmal im Leben einen anderen Weg einschlagen. Sich überraschen lassen, was dann passierte. Dass war die Motivation von Winther, seinen Platz im Café am unteren Stadtrand von Marbach gegen ein Abenteuer einzutauschen. Kopfschüttelnd wunderte er sich über sich selber. Winther kombinierte:

  1. Tunnel
  2. Telefonat möglich
  3. Dunkelheit
  4. Hall

Simone musste sich in der Nähe der vorderen Raum-Zeit-Kreuzung befinden. Es gab einen weiteren versteckten Eingang zwischen Alexanderkirche und dem Ziegelhüttenweg. Das musste der kürzeste Weg sein.

Winther hatte sich in den vergangenen Jahren den Spaß gemacht, die Sprache der Zinken, die geheime Verständigung durch grafische Zeichen, die von Angehörigen des „fahrenden Volks“ benutzt wurden, zu studieren. Gelegentlich zeichnete Winther Zinken an unterschiedliche private Häuser und Institutionen. Aus diesem Grund kannte er Marbach in- und auswendig. Von oben und von unten. Detailverliebt, das war die Welt von Winther. So hatte Winther Zugang zu dem unterirdischen Marbach gefunden. Dass dies unnütze Wissen einmal von Nutzen sein könnte, daran hatte Winther im Traum nicht gedacht.

Winther ging zum Eingang, der durch ein lose aufgelegtes Eisengitter geschützt war, beseitigte den abdeckenden schützenden Efeu und stieg in das Gewölbe. Es verschwand ebenerdig in Richtung der Gleise und des Friedhofes in die Unterwelt. Zunächst ein paar Schritte Richtung Norden. Dann die Biegung.

Er spürte die unterirdische Gruppe und zwar in der Form, dass die Stille eine andere wurde. Winther hörte Stille und konnte genau unterscheiden. Es war 13 Uhr. Dominica läutete. Auch das noch. Das Epizentrum des Lautseins. Selbst der Boden vibrierte ob der Schwingungen. Braucht kein Mensch, dachte Winther und griff sich in die Beintasche seiner schwarzen Engelbert-Strauss-Shorts. Er holte ein Streichholz hervor und zündete es an.

Zu Kap. IX: Autor Oliver von Schaewen

Der Autor

Achim Seiter, geboren 1961, lebt in Murr. Ist seit 20 Jahren selbständig und macht dies und das und fast alles, was mit Sport (außer Biathlon) zu tun hat. Schreibt hin und wieder den „SeiterBlick“. Ist einer DER FISCHE, die monatlich im Café Provinz das Forum für Rede und Antwort veranstalten. Neuerdings auch als Podcast mit dem Motto #supportyourlocalpodcast
Zu Marbach handelt:
„Ich wurde gefragt und kann nicht NEIN sageN“. Irgendwann liegt dann die Schlinge um den Hals und da musst du durch und mit größtmöglicher fröhlicher Gelassenheit bestmöglich liefern.
(c) Achim Seiter