26. Juni 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN VII

Verloren in Raum und Zeit

von Sabine Willmann

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Ich arbeitete mich im schwachen Schein meiner Nextorchlampe weiter in das Gewölbe hinein. Die Distanz-Elektro-Impulswaffe umklammerte ich mit hartem Griff. Sollte ich sie von „Betäuben“ doch auf „Eliminieren“ umstellen? Ich konnte kaum etwas sehen. Doch ich wollte die Lampe vorsorglich weiter auf der schwächsten Lichtstufe eingestellt lassen: Ich wollte weder zu früh entdeckt werden, noch wollte ich, dass die Lampe im entscheidenden Moment versagte, die Batterien hatte ich ewig nicht mehr gewechselt. Langsam folgte ich den Spuren von großen und kleinen Schuhen, die ich im Staub auf dem Boden ausmachte. Doch mitten im vierungsartigen Gewölbe hörten sie auf. Eine kleine Staubwolke wirbelte noch über den letzten Abdrücken. Ich trat ein bisschen um die Stelle herum und versuchte, Schlüsse aus der Anordnung zu ziehen, einen Hustenreiz konnte ich kaum unterdrücken. Wie gut, dass ich noch die Mund-Nasen-Bedeckung, die meine Nichte mir wegen Corona genäht hatte, am Kinn hängen hatte. Ich zog sie hoch …

***

Eine Staubwolke wirbelte umher, aus der heraus starkes Husten zu hören war.

„Wo sind Sie, Herr Schüler?“ Charlottes Stimme zitterte stark.

Es roch sehr modrig, und die Luft fühlte sich viel kälter an als zuvor. Ein schwacher Lichtschein drang von schräg oben hinab zu ihr. Plötzlich kam eine Gestalt auf sie zu, übermächtig groß. Sie dachte an ihren Lieblingsfilm „Citizen Kane“, der für seine Lichtgestaltung berühmt war. Den Gedanken schob sie sofort beiseite, als die Gestalt näher kam. Sämtliche Horrorfilme, die sie je in ihrem Leben gesehen hatte, gingen ihr durch den Kopf.

„Fräulein Charlotte, wo sind Sie?“

Charlotte atmete erleichtert auf, als sie die Stimme erkannte. „Herr Schüler – sind Sie unverletzt?“

„Ja!“ Er war inzwischen bei ihr angekommen. „Was ist hier vor sich gegangen?“, fragte Frieder Schüler und schüttelte den Kopf so, dass die roten Locken nur so umhersprangen. „Und mein Schal ist auch schon wieder verschwunden.“

Charlotte verzog das Gesicht, wie wenn sie ein kleines Kind ermahnen müsste, besser auf seine Sachen aufzupassen. Doch der Schal war ihr kleinstes Problem. „Herr Schü – äh – Schiller, jetzt darf ich Sie doch so nennen? – Das war der Energie-Impuls-Tensor! Ein Vierertensor zweiter Stufe, es geht um die Wechselwirkung von Materie, Raum und Zeit. Als ich Schritte hinter uns gehört habe und dann die Klinke der schweren Kirchentür, als die Glocken aufhörten zu läuten, standen wir genau auf der Raum-Zeit-Kreuzung. Die Energie-Formel kenne ich auswendig, und bei aller Aufregung habe ich sie ständig vor mir hergesagt, um mich zu beruhigen. Nun sind wir hier.“ Charlotte lachte schrill.

***

Ich hörte, wie durch Raum und Zeit ein hysterisches Lachen an mein Ohr drang. Es klang entfernt und nah zugleich. Das musste von dieser Charlotte stammen, aber sie war nicht zu sehen, die Spuren im Staub hatten einfach aufgehört. Dafür konnte nur eine Raum-Zeit-Kreuzung verantwortlich sein. Es stimmte also doch. Das Internet hatte Recht, in Marbach gab es eine, vielleicht sogar mehrere dieser Kreuzungen. Die Tiefbauarbeiten waren wie vermutet fingiert, da führte jemand etwas ganz Großes im Schilde, von wegen Verschwörungstheorie: Raum-Zeit konnte überwunden werden, und manche gingen diese verbotenen Wege, um als Geflohene ihrer eigenen Zeit zu entkommen. Einige waren sich dessen bewusster als andere. Jedenfalls konnten sie so immer und überall ihr Gedankengut verbreiten. Das galt es zu verhindern. Diese miesen Gestalten, die sich selbst als Wanderer der Zeiten bezeichneten, galt es einzufangen und zurückzuführen. DAS war mein Auftrag, und mein Auftraggeber war geheim wie bei „Drei Engel für Charlie“, und so sollte es auch bleiben. Ich hatte schließlich auch Germanistik studiert und wusste, wie wichtig es war, dass jeder Dichter in seiner Zeit blieb. Wo käme man denn hin, wenn Personen einfach munter ihr Jahrhundert wechselten, dabei auch noch über ihr Alter und ihr Erscheinungsbild frei entschieden und zu allem Überfluss über diejenigen Kommentare abgaben, die nicht nur vor, sondern auch nach ihnen lebten! Was für ein Durcheinander würde das ergeben. Mir war nun sonnenklar, dass dieser hochgewachsene Typ der echte Schiller und kein Schlossführer oder Schauspieler war, warum sonst hätte sich Charlotte an ihn rangemacht? Warum sonst war ihm sein Schal so wichtig? Auch der faulige Apfel auf der Bank, den ich vor Wut über mein Einnicken ins Gebüsch gekickt hatte, war ein eindeutiger Beweis. All diese Gedanken schossen mir rasend schnell durch den Kopf.

***

Frieder Schüler und Charlotte schauten sich um. Es war totenstill, die Zeit schien stehen geblieben zu sein.

„Wir haben sie abgehängt, zumindest räumlich. Ein nicht kausaler Weg, das ist das, was ich Ihnen vorhin erklären wollte“, sagte Charlotte stolz.

Das Licht, das von oben in den kühlen Keller drang, tauchte die Szenerie in eine fast romantische Stimmung. Als sich beide gegenüberstanden, ergriff Frieder zärtlich ihre Hand. Sie sprach immer noch von der Bewegung von Körpern in Raum und Zeit, von Masse, Anziehungskraft und Energiedichte.

„Also, der Raum ist dreidimensional und die Zeit ist eindimensional, und zusammen sind sie vierdimensional. Längen und Zeitdauern hängen vom Bewegungszustand des Betrachters ab, es gibt keinen absoluten Raum und keine absolute Zeit.“

Charlotte war vor Begeisterung kaum zu stoppen. Frieder legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen. Charlotte lächelte und schob verlegen die schief sitzende Brille die Nase aufwärts. Ihr wurde ganz heiß. Frieder stammelte:

„Fräulein Charlotte – ich bin ein großer Fan von Heinrich Heine – und der sagte doch so treffend: ‚Mein Fräulein! Sein sie munter. Das ist ein altes Stück; hier vorne geht sie unter und kehrt von hinten zurück.‘ – Ich meine, ich möchte damit nur sagen, also – ich würde jetzt sehr gerne wieder zurück an die Sonne mit Ihnen. Ließe sich das machen?“

***

Angst machte sich bei mir breit. Was, wenn ich auch verschluckt und durch ein Wurmloch in einer anderen Galaxie landen würde? So sehr mich die Physik interessierte, Teile davon blieben ein endloses Fragezeichen für mich. Doch so viel wusste ich als Filmliebhaberin aus dem Film „Interstellar“: Wurmlöcher waren eine Chance und gleichzeitig auch gefährlich. Sie verbanden zwei Orte im Universum miteinander. Durch hineinfallende Teilchen normaler Materie konnte das Wurmloch jedoch plötzlich zusammenbrechen. Eine Rückkehr war dann unmöglich. Was sollte ich jetzt tun, wer war ich und warum stand ich hier, warum denn ausgerechnet ich? Sollte ich versuchen, die Raum-Zeit-Kreuzung zu nutzen und Schiller auf Spur zu bringen?

„Ich heiße Simone, ich heiße Simone, ich heiße Simone!“, brabbelte ich immer wieder vor mir her. „Ich kann Orte auf der Landkarte verschwinden lassen.“ Auch, wenn ich nicht weiter in das Buch ‚Pseudodoxia Epidemica‘ hineingelesen hatte, der erklärende Untertitel sagte genug: ‚Über die epidemische Verbreitung von Irrmeinungen, übersetzt von einem unbekannten Liebhaber der Wahrheit.‘ Wahrheit, Wahrheit – nach so Typen wie Schiller entschied die Schönheit über richtig oder falsch – wie töricht.

Wie zur Bekräftigung und um meine Angst zu vertreiben, schoss ich mit der Distanz-Elektro-Impulswaffe ins Dunkel. Zwei nadelförmige Projektile flogen nach vorne und trafen offensichtlich eine an der Wand hängende Fledermaus. Elektrische Spannung entlud sich, ein Flackern war zu sehen. Das war zu viel für die Fledermaus, sie fiel zu Boden und mit ihr stürzte eine brüchige Wand mit ohrenbetäubendem Lärm in sich zusammen. So schnell ich konnte, sprang ich zurück und zog den Arm mit der Waffe an den Körper. Es roch verbrannt. Eine dichte Staubwolke bewegte sich auf mich zu.

***

Die Anziehungskraft hatte Charlotte und Schiller einander sehr nahe gebracht, sie küssten sich. Ein unglaublich lauter Krach, begleitet von vielen Echowellen, riss sie abrupt auseinander. Fast gleichzeitig schauten beide in die Richtung, aus der der Lärm zu kommen schien. Sie konnten keine Quelle ausmachen. Angst fuhr Charlotte tief in die Glieder, sie klammerte sich fest an Schillers Arm. Er hörte und spürte wieder alle Glocken in sich. Dann kamen zwei Gestalten im schwachen Lichtkegel auf die beiden zu. Charlotte entwuchs ihrer Erstarrung, zog hastig ihr Physikbuch aus der Tasche, blätterte wie wild darin herum, suchte ihre Notizen und Skizzen zu unterirdischen Wegen in Marbach, konnte sie im schwachen Schein des Lichts aber nicht finden.

Jetzt waren die beiden Gestalten bei ihnen angekommen. Ein Mann im Gehrock, mit Gehstock und breitkrempigem Hut und eine zierliche Gestalt in einem hellen Rokoko-Kleid. Der Mann wandte sich an Charlotte:

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen.“

Die Frau ergänzte: „Charlotte, das hättest du damals nicht tun sollen.“

„Caroline, nicht jetzt“, ermahnte sie der Hutträger.

Charlotte stand wie versteinert. Ungläubig starrte sie Caroline und Goethe an. Schiller war auf einmal klar, warum bei ihm immer alle Glocken schwangen, wenn er in Charlottes Nähe war. Er schaute zu ihr, wie sie dastand in ihrem roten Wollpullover, die Brille auf der Nase verrutscht, ihr helles Haar, das im Dunkel glänzte. Jetzt ging er auf seinen Kollegen zu, begrüßte aber zuerst die Frau:

„Liebste Caroline von Lengefeld, verzeihen Sie mir. Ich bin eben nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Mann, Ihre Schwester kann nichts dafür.“ Anschließend richtete er breit grinsend das Wort an den Herrn: „Herr von Goethe, ich liebe Ihren Faust.“

Goethe verzog das Gesicht und hielt Schiller einen weißen Schal hin.

„Ach, du edles Zwirn alter Zeiten, du kommst immer wieder zu mir zurück.“ Schiller baute sich kerzengerade vor Goethe auf und deklamierte: „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen. Dann will ich gern zugrunde gehen!“

„Ich aber nicht!“, rief Charlotte, die die Szenerie verwirrt beobachtet und nun wieder Kräfte gesammelt hatte. Sie stammelte die Formel des Energie-Impuls-Tensors. Dabei trat sie in den Hintergrund, dahin, von wo Caroline und Goethe gekommen waren. Trotz allen Entsetzens dachte es in einem Teil ihres Gehirns: Es muss eine weitere Raum-Zeit-Kreuzung hier geben. Gebetsmühlenartig murmelte sie wieder und wieder Buchstaben und Zahlen der Formel. Schiller folgte ihr sofort, auch Goethe und Caroline taten es ihnen gleich.

***

Der Lärm hatte zwar nachgelassen, dafür wirbelte jetzt heftig Staub auf. Fast rhythmisch aufwogende Hustenattacken mischten sich wie Stimmen in einem Chor. Im schwachen Schein meiner Lampe erkannte ich zwischen Millionen von Staubpartikeln Charlotte, Schiller, eine Frau und jemanden, der aussah wie Johann Wolfgang von Goethe. Dann standen plötzlich alle vier vor mir, im Gewölbe mitten auf der Raum-Zeit-Kreuzung. Charlotte und Schiller schienen sich ertappt zu fühlen. Goethe und die Frau sahen mich mit großen Augen an. Mir wurde schlecht. Ein weiteres Mal hatte sich die Vermutung bewahrheitet: Raum und Zeit waren außer Kraft gesetzt, zumindest hier unten in den Tunneln von Marbach. Es gab keinen absoluten Raum und keine absolute Zeit. Ich erkannte die zweite Frau, es war Caroline von Lengefeld, Charlottes Schwester, Schillers Schwägerin. Was machte die jetzt hier, und auch noch zusammen mit Goethe? Lauter verirrte Leben! So langsam begriff ich das ganze Ausmaß. Charlotte taumelte leicht, ihre Brille hing noch schiefer auf der Nasenwurzel. Plötzlich fiel sie in Ohnmacht. Caroline schrie laut auf. Schiller konnte Charlotte gerade noch auffangen. Goethe blieb ruhig.

Das wurde mir nun doch zu heiß. Ich kramte wild in meiner Beuteltasche herum, die mir der Berliner Trödler verkauft hatte, blieb erneut im glanzlosen Futteral hängen, atmete schwer. Ich steckte hier wie überhaupt in der Sackgasse. Schiller war erneut mit dem Husten beschäftigt. Wusste er im Hier und Heute denn nicht, dass er todkrank war?

Als Erster ergriff Goethe das Wort, er baute sich vor mir auf: „Fräulein, Namen sind Schall und Rauch, aber Gründe, Gründe sind wichtig. Und natürlich Gefühle. Sagen Sie endlich: Was geht hier vor sich?“

„Ich bin systemrelevant, das geht hier vor sich.“

Mein kleiner Finger erspürte endlich das Display des Mobiltelefons, der Nagel kam in die Spalte des Sprungs und brach nahe des Nagelbetts ab. Der Schmerz entlockte mir einen lauten Schrei. Die vier schauten mich entgeistert an. Die Maske hatte ich immer noch im Gesicht und in der Hand die Distanz-Elektro-Impulswaffe, aus der zwei Drähte mit nadelförmigen Projektilen und daran eine tote Fledermaus hingen. Ich musste wie eine Irre wirken. Endlich fingerte ich das Handy heraus, drei Balken zeigten mäßigen Empfang an. Schnell tippte ich eine Nummer ein, die nur ich kannte. Dann versagten die Batterien meiner Lampe, und es war von einer auf die andere Sekunde stockdunkel …

Zu Kap. VIII: Autor Achim Seiter

Die Autorin

Die Filmemacherin Sabine Willmann wurde 1967 in Freiburg im Breisgau geboren und wohnt seit 1996 in Marbach. Nach Ausbildung und Studium an der FHöV zur Diplom-Verwaltungswirtin absolvierte sie einige Praktika im Film- und Medienbereich, auch im Ausland. Danach studierte sie an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Regie. Seit 1999 ist sie freischaffend als Regisseurin und Autorin im Film- und Theaterbereich tätig. Zusammen mit Oliver Heise, do-q media, produziert sie Dokumentar- und Werbefilme. Darüber hinaus führt sie Filmprojekte im medienpädagogischen Bereich an Schulen und Bildungseinrichtungen durch, kuratiert, leitet und moderiert Filmprogramme, wirkt in Jurys mit und ist filmpolitisch aktiv.

Viele ihrer Projekte haben Marbachbezug, so ihr Dokumentarfilm „Im Schatten Schillers“ über in Marbach lebende Schriftsteller, der für den SWR entstand. Ebenso die Langzeitbeobachtung „Der Apfelmann“ über den Obstbauern Hermann Breitenbücher. Für den Tobias Mayer Verein entstand der Film „Der gute Kopf“, der vom Leben des Astronomen erzählt. Auf der Theaterbühne, u.a. in der Stadthalle Marbach, war die Großproduktion der RockOper „Das Lied von Schillers Glocke“, mit Wolf Maahn in der Rolle von Friedrich Schiller, zu sehen.

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