19. Juni 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN VI

Verfolgung mit ungewissem Ausgang

von Albrecht Gühring

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Mist. Da wollte ich mich so leise wie möglich an die beiden heranpirschen, um Charlotte besser zu verstehen, dann dieser blöde Ast. Meine Liebe, dich kenne ich zu gut… Gott sei Dank haben sie mich nicht entdeckt. Aha, sie sind misstrauisch geworden und streben aus der Stadt in Richtung Alexanderkirche. Diese Charlotte ist mir wieder einmal zuvorgekommen, so ein Ärger. Hätte ich auf Schloss Solitude nur schneller reagiert. Aber ich war mir einfach zu unsicher, es hätte ja ein Schlossführer sein können. Man hat mir doch versichert, dass er sich völlig der aktuellen Zeit angepasst hat. Logisch, denn als Schiller gewandet wäre er jedem sofort aufgefallen. Aber nicht so am Schloss Solitude und in Marbach. In dem Städtchen hier ist es offenbar völlig normal, dass Menschen in Klamotten des 18. Jahrhunderts herumlaufen. Zumindest sieht es nach den Berichten so aus, die ich bei den Marbach-Recherchen im Netz über das sogenannte 18.-Jahrhundert-Fest gefunden habe. Alle paar Jahre feiern offenbar große Teile der Bevölkerung gewandet dieses Event, und dazwischen treffen sie sich wohl auch. Der hiesige Stadtarchivar bietet als Schiller gewandet Stadtführungen an, obwohl er in Größe und Breite alles andere als der echte Schiller aussieht.

„Stadtarchiv“ – Mann, das ist das Stichwort. Warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Wenn es irgendwo Pläne oder Hinweise zu diesen unterirdischen Gängen gibt, die sie bei den fingierten Tiefbauarbeiten entdeckten haben, dann am ehesten doch dort.

Nun gut, das muss warten. Ich darf mich nicht abhängen lassen. Frieder und Charlotte sind auf dem Weg zur Kirche total schnell unterwegs. Offenbar will sie ihm helfen zu entkommen. Aber ich muss mehr Abstand halten, damit ich nicht entdeckt werde. Hoffentlich komme ich rechtzeitig über diese Straße, auf der ist ja mächtig was los.

Geschafft, jetzt bleibe ich lieber erst einmal an der Hausecke da stehen und schaue vorsichtig um die Ecke, ob sie weiter Richtung Alexanderkirche gehen. Die Passanten hier beäugen mich ja ganz schön misstrauisch. Glücklicherweise gehen sie kommentarlos weiter. Okay, die beiden laufen den gepflasterten Weg hinauf zu dem Haus, unter dem ein großes Tor ist. Eine klassische Wehrburganlage mit Torhaus. Dieses Marbach scheint ein Kleinod für historisch und kulturell interessierte Menschen zu sein. So, sie haben das Tor hinter sich geschlossen, also vorsichtig weiter. Wenn ich aber zu schnell die Klinke drücke, könnten sie mich hören. Also doch stopp, warten …

Gut, das reicht, jetzt durch den Torbogen. Puh, dieses Spalier aus Epitaphien wirkt im Halbdunkel ganz schön bedrohlich. Langsam um die Hausecke biegen. Was, wenn sie mich entdeckt haben und mir auflauern? Immerhin bin ich diesem Frieder früher schon einmal begegnet, und das ist wahrlich keine angenehme Erinnerung. Ich kann froh sein, dass ich damals so glimpflich davongekommen bin. Er muss mich doch wieder erkannt haben. Warum hat er …

Ach herrje, na klar. Warum fällt mir das erst jetzt wie Schuppen von den Augen? Das Buch, der Apfel. Natürlich, das waren seine warnenden Hinweise. Wie kurzsichtig von mir, dass ich das Buch letztlich doch nur so oberflächlich gewürdigt habe. Und der Apfel? Den habe ich achtlos ins Gebüsch gekickt. Egal, ich darf jetzt keine Zeit verlieren, um den Zugang nach unten zu finden. Dieser könnte, das ist ja nicht selten der Fall, als Grab auf dem Friedhof da hinter der Mauer getarnt sein. Oder gibt es in der Kirche einen Zugang?

Wohin sind denn Frieder und seine Charlotte jetzt gegangen? Er hat sie offenbar gar nicht erkannt. Verd … jetzt sehe ich die beiden nicht mehr. Wo soll ich jetzt langgehen? Ob die Kirche überhaupt geöffnet ist? Eher nicht, bestimmt sind sie zum Friedhof.

Da kommt mir doch glatt die Weimarer Fürstengruft in den Sinn, witzig. Haben die törichten Leute doch all die Jahre geglaubt, in dem Sarg neben Goethe liege Schiller. Ja, sogar Goethe selbst hat lange Zeit einen Schädel bei sich zuhause verehrt, den er für das Haupt des toten Freundes gehalten hat. Doch dann hat vor ein paar Jahren eine genetische Untersuchung ergeben, dass kein einziger Knochen in der Gruft zu Schiller gehört. Wie sollte er auch dort sein? Seine Knochen sind mitsamt allem, was einen lebenden Menschen ausmacht, irgendwo hier in der Nähe.

Aber Schluss mit der Unentschiedenheit, ich muss weiter, am besten zum Friedhof. Ach nein, ich suche doch in der Kirche. Ob es die richtige Spur ist? Egal jetzt, Hauptsache, ich stehe nicht herum, sondern entscheide mich. Ist meine Distanz-Elektroimpulswaffe da? Distanz-Elektroimpulswaffe, was für ein ellenlanges Wort. Der Akku ist geladen. Der kleine Hebel steht auf „Eliminieren“. Nein, ich stelle ihn auf „Betäuben (stark)“.

Ob meine Gegner auch bewaffnet sind? Auszuschließen ist es nicht. Gerade diese Charlotte ist eine nicht zu unterschätzende Person. Hat sie doch schon damals den Schiller problemlos ihrer Schwester Caroline ausgespannt. Das bedauernswerte Mädchen litt ihr Leben lang darunter.

Jetzt aber Konzentration. Die Hand auf die Klinke des Hauptportals legen und sachte niederdrücken. Um Gottes willen! Hilf Himmel, was ist das denn für ein dröhnender Lärm?

Ach so, direkt über mir ist das Geläut der Alexanderkirche. Da schlägt mir ja das Herz bis zum Hals. Es muss 12 Uhr mittags sein. Na ja, so habe ich wenigstens eine Tarnung für den Fall, dass ich beim Betreten des Gotteshauses Geräusche verursache. Komm zur Ruhe, Simone, ganz zur Ruhe. Und jetzt vorsichtig in die Kirche.

Schlechtes Timing, kaum bin ich drinnen, schweigen die Glocken. Diese Stille ist fast gespenstisch. Und was ist das jetzt? Stimmt, die S-Bahn, die rattert ganz nah vor den Fenstern vorbei. Konzentration. Ich muss mich kurz orientieren, so wie ich es gelernt habe.

Die Orgelempore scheidet aus. Von dort muss ein Durchgang in den Kirchturm führen; eine klassische Wehrturmarchitektur. Allerdings kam man von oben nicht wieder nach unten, denn der Turm hat im Erdgeschoss eine Halle, die dem Hauptportal vorgelagert ist.

Also weiter nach Osten. Dorthin, wo sich die Altäre, die Sakristei oder ein Wendeltreppenturm im Chor befinden. Altäre, so zeigt die Erfahrung, sind aufgrund ihres Gewichtes nicht geeignet, da problematisch zu öffnen. Also die Sakristei. Die schwere eisenbeschlagene Türe ist nur mit einem Riegel gesichert. Herrje, darunter verbirgt sich ein Sicherheitsschloss, das den Zugang verwehrt. Was nun? Keine Spur und kein Geräusch weisen darauf hin, dass meine Zielpersonen dahinter sind. Aber ich kann hier nicht herumstehen und ewig überlegen, ich muss rasch handeln.

Die Fenster des Treppenturms schauen wie dunkle Augen auf mich herunter. Irgendwie ziehen die mich magisch an. Soll ich es da versuchen? Mal sehen. Tatsächlich, die zierliche Tür des Turms ist nur angelehnt. Vorsichtig aufdrücken. Was ist da oben? Die schmale Wendeltreppe verliert sich im Dunkel. Licht mache ich lieber nicht, da verrate ich mich womöglich. Jetzt erst einmal die Tür hinter mir zumachen. Die Dunkelheit umfängt einen ja ein wie eine schwarze Hülle.

Das ist gleich vorbei, Mädchen, du weißt doch, die Augen gewöhnen sich schnell an das Dämmerlicht, und das Licht von dort oben sickert jetzt durch die kleinen Fenster wie ein Weichzeichner herunter.

Stopp! Die Wendeltreppe führt nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Wenn man hereinkommt, wird dieser Abgang durch die Türe exakt verschlossen, zumal er erst nach einer halben Biegung beginnt. Und um mehr Licht zu haben, lässt ein Turmbesteiger die Türe natürlich offen, sodass ihm der Weg nach unten auch dann verborgen bleibt, wenn er wieder vom Turm herabsteigt. Genial.

Schnell entscheiden! Soll ich den Abstieg alleine wagen oder auf Verstärkung warten? Beim Warten würde kostbare Zeit verloren gehen. Ich musste das Risiko eingehen und in die unbekannte Marbacher Unterwelt eindringen. Jetzt bereue ich es wirklich, dass ich nicht längst im Stadtarchiv nach Plänen geforscht habe. Andererseits ist die Chance, dass jemand diese Unterwelt jemals kartiert hat, sowieso gleich Null.

Vorsichtig vorwärtstasten, einen Fuß auf die erste Stufe. Nein, ganz klar, hier geht es nicht ohne Licht. Ich muss die Nextorchlampe nehmen und auf Dämmerlicht schalten. Fertig, jetzt Stufe um Stufe die Wendeltreppe hinunter. Gut, dass ich für solche Situationen trainiert bin. Stufe, für Stufe, für Stufe. Wie viele waren das jetzt denn? Schwer zu sagen.

Endlich, die Treppe erweitert sich zu einem Gewölbe. Das könnte ein normaler, großer Keller sein, aber seltsamerweise erinnert mich das Gewölbe an die Vierung einer Kathedrale. Ist das nur eine architektonische Ablenkung, oder bin ich etwa auf die Raum-Zeit-Kreuzung gestoßen?

Zu Kap. VII: Autorin Sabine Willmann

Der Autor

Albrecht Gühring, Diplom-Archivar (FH), wurde 1964 in Stuttgart geboren und leitet seit 1990 das Stadtarchiv Marbach am Neckar. Er wirkt ehrenamtlich u.a. als stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins für Stadt und Kreis Ludwigsburg und ist Autor und Herausgeber von Publikationen zur Orts-, Familien- und Landesgeschichte sowie biographischer Veröffentlichungen. Gewandet als Schiller oder schwäbischer Holdergässler aus dem 18. Jahrhundert bietet der Archivar Führungen durch Marbach an.

(c) Stadtarchivar Albrecht Gühring im Magazin

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