12. Juni 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN V

Ein Geheimnis in den Tunneln unter Marbach?

von Dr. Vera Spillner

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Es klingelte. Jedoch nicht mein altes Telefon, sondern an der Tür. Ich erhob mich seufzend. Der abendliche Ausflug saß mir doch tiefer in den Knochen, als ich es mir eingestanden hätte. Mein Türspion zeigte niemanden, also öffnete ich. Der Flur lag verwaist vor mir, aber dann hörte ich schnelle Schritte, die die alte Holztreppe des Hauses hinaufkamen. Trippelnde, ungeduldige Schritte von Frauenschuhen. Dann bog eine Gestalt um die Ecke, und ehe ich mich versah, stand eine junge Frau vor meiner Tür. Sie trug einen roten Wollpullover und dunkle Jeans, darüber eine abgetragene Tasche. Ihre Brille war von ihrer Nase ein wenig heruntergerutscht, und sie schob sie energisch zurück, bevor sie sich noch einmal umsah, als erwartete sie jemand weiteren.

Ich kannte sie. Nicht besonders gut. Nur ein wenig – vom Sehen. Sie wohnte ein paar Häuser weiter. Grüßte mich oft. Verbrachte viel Zeit über Studienbüchern, wie mir schien. Sie blickte zu mir zurück.

„Hören Sie zu, Herr Schi… Herr Schüler“, korrigierte sie sich.

Frieder Schüler. So stand es auf meiner Tür.

„Wir müssen los. Jetzt gleich.“

Ich sah sie verwundert an. „Mein Fräulein, klären sie mich auf.“

„Für Aufklärung ist jetzt keine Zeit, … die dauert ohnehin immer zu lange“, unterbrach sie mich, die letzten Worte wie zu sich selbst sprechend. „Ziehen Sie sich bitte eine Jacke an, wenn Sie die brauchen, und kommen Sie. – Bitte.“ Das letzte Wort hatte sie fast flehend ausgesprochen.

Ich blickte wehmütig zurück zu meinem Telefon. Das musste nun warten. Rasch griff ich nach meiner Jacke. Es war nicht meine Art, einer jungen Frau eine Bitte auszuschlagen oder sie gar warten zu lassen. Und so folgte ich ihren schnellen Schritten den Flur entlang, die Treppe hinunter und aus dem Haus. Der Bürgersteig war durch die Baustelle beengt, so dass ich weiterhin einige Schritte hinter ihr laufen musste. Der Bagger hatte das Loch noch tiefer gegraben. So langsam war der Boden nicht mehr zu sehen. Es war mir schleierhaft, was da so tief unten gesucht wurde.

Über den Baustellenlärm hinweg hätte man sich jedenfalls ohnehin nicht unterhalten können, und so folgte ich der jungen Frau weiter im schnellen Schritt. Es interessierte mich ungemein, was so dringlich sein mochte. Erst hinter der Baustelle gelang es mir schließlich, sie einzuholen. Ihr Gesicht war konzentriert und nach vorne gerichtet.

„Fräulein, warten Sie … wie heißen Sie eigentlich?“, fragte ich ein wenig außer Atem.

„Charlotte, natürlich“, sagte sie. „Das sollte Sie doch nicht verwundern.“ Sie blickte kurz zu mir und ihre Augen blitzten belustigt. Dann schüttelte sie den Kopf, warf das helle Haar zurück und beschleunigte ihren Schritt.

Ich hatte das Gefühl, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus ihr herauszubekommen, und folgte ihr daher weiter schweigend durch die Gassen zu den Gärten an der Stadtmauer, wo wir zu einer kleinen Bank kamen. Sie blickte sich noch einmal um, als würde sie etwas suchen. Als sie es scheinbar nicht fand, nickte sie zufrieden, setzte sich und wies auf den Platz neben sich. Ich setzte mich ebenfalls. Von hier hatten wir auf der einen Seite einen weiten Blick auf den gegenüberliegenden Hügel mit dem Krankenhaus und der Alexanderkirche und auf der anderen zu den Fachwerkhäusern der Altstadt.

„Jetzt wollen Sie sicher wissen, was los ist“, sagte Charlotte, selbst auch etwas außer Atem.

„Das wäre höchst freundlich“, antwortete ich, fast ein wenig ironisch. Es war nicht so, als wäre mir ein Ausflug mit einer jungen Dame hinaus ins Freie unangenehm gewesen. In der Tat schienen in mir dadurch manche Erinnerungen aufzusteigen, wie versunkene Glocken, die an etwas rührten, das ich lange vergessen hatte … Doch bevor ich diesen Gedanken nachspüren konnte, drehte sie sich zu mir herum, die Wangen noch gerötet. Jetzt sah ich sie zum ersten Mal genauer an – und fand sie beinahe hübsch.

„Sie haben sie getroffen. Und auch noch angesprochen. Welch Leichtmut. Was ist nur in Sie gefahren?“

Erschrocken starrte ich sie an. Diese Sätze passten nicht besonders gut zu der kurzen romantischen Stimmung, die ich soeben noch zu verspüren gemeint hatte. „Von wem bitte … sprechen Sie?“, fragte ich ein wenig irritiert.

Sie schnaubte. „Von Simone natürlich. Abends. Parkbank. Und dann legen Sie erst noch ein Buch und dann gar einen Apfel ab.“ Ich sah sie erstaunt an. „Ja, und mich haben Sie nicht einmal bemerkt. Sie beide nicht. Zum Glück.“

Ich versuchte, ihrem Wortfluss zu folgen. „Sie… waren dabei?“

„Ja, zu Ihrem Glück“, wiederholte sie nachdrücklich. „Noch ist sie sich, was Sie betrifft, nicht sicher. Noch hält sie alles für eine Verschwörungstheorie. Liest Internetforen und Ähnliches.“ Sie verzog das Gesicht und schob erneut ihre Brille zurück. „Aber sie hat den Auftrag. Und Sie“, sie sah mich von der Seite an, „scheinen nicht im Geringsten zu wissen, in welche Gefahr Sie sich begeben haben.“

Nun wurde es mir aber doch zu bunt. „Mein Fräulein“, sagte ich und erhob mich, wodurch meine hagere und hochgewachsene Gestalt gänzlich zur Geltung kam und mir einen Teil meiner verloren gefühlten Würde zurückgab, „erläutern Sie bitte Ihre Disposition.“

Charlotte atmete hörbar ein und schüttelte den Kopf. Dann zog sie aus ihrer Tasche ein Buch. Ein neumodisches, im Plastikumschlag. Und danach meinen weißen Schal. „Bitte“, sagte sie „setzen Sie sich, Frieder.“

Ich nahm meinen Schal aus ihren Händen entgegen. Ob sie wohl wusste, was mir dieser bedeutete? Vielleicht schon – immerhin schien diese junge Frau recht viel zu wissen, das sie mir bislang noch nicht preisgegeben hatte. Mein Vorname jedenfalls ging ihr leichtläufig von den Lippen, beinahe wirkte sie mir dadurch vertraut, weshalb ich ihren Worten trotz allem Folge leistete und mich erneut neben sie setzte. Den Schal legte ich mir um die Schultern. Noch einmal wollte ich ihn nicht verlieren. Das Buch, das sie herausgezogen hatte, war ein Mathematikbuch, wie mir schien.

„Physik“, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Sie blätterte ein paar Seiten, die mit mir völlig kryptisch wirkenden Zeichen bedeckt waren. Ich sah sie von der Seite und ein wenig mit neuen Augen an, bewundernd. Die Geheimnisse der Natur, geschrieben in der Sprache der Mathematik, waren mir stets ein Wunder geblieben – hatten sich mir aber nie weiter eröffnet.

„Hier ist es.“ Sie wies mit dem Finger auf eine lange Formelzeile. Daneben hatte sie sich eigene Notizen mit Bleistift gemacht.

Ich sah auf das Blatt. „Ich verstehe nicht.“

„Natürlich nicht“, sagte sie mit der ihr eigenen leichten Überheblichkeit. „Entschuldigung, ich erkläre es“, korrigierte sie sich gleich darauf selbst. „Das hier ist ein Energie-Impuls-Tensor, und das hier …“, sie sah zu mir. Die großen Fragezeichen mussten aus meinem Gesicht geradezu herausgesprungen sein. „Nun gut“, sie klappte das Buch zu, nicht ohne einen Finger zwischen den Seiten zu lassen, wo sie die Notizen vermerkt hatte. „Dann anders. Durch die Bauarbeiten in Marbach sind in den vergangenen Jahren Tunnel gegraben worden. Wege, die tiefer gingen, als ursprünglich geplant.“ Ich verstand auch jetzt nicht, worauf sie hinaus wollte. „Einer davon verlief ganz nah beim alten Luftschutzstollen im Hof der Lederfabrik, ein anderer hat unter der Alexanderkirche eine Kreuzung gefunden.“

Ich blickte über die Hügel zur Kirche hinüber. Sie erhob sich sanft und majestätisch auf der anderen Seite des kleinen Tals. Ihren Glockenklang hatte ich zu allen Zeiten geliebt. „Eine … Kreuzung? Einen Luftschutztunnel?“

„Ja“, sagte sie. „Es gibt Wege durch den Raum und solche durch die Zeit, verstehen Sie?“ Sie entnahm meinem Gesicht, dass ich das offensichtlich noch immer nicht tat, und seufzte.

„Raumzeit. Einstein. Sagt Ihnen denn davon irgendetwas was?“

Das tat es nicht.

„Schauen Sie, ich kann es nicht anders erklären: Es gibt Wege, die kausal sind – also sozusagen ‚erlaubt‘, wenn sie wollen. Und solche, die es nicht sind. Mancher geht letztere, ohne es zu wissen. Und es gibt Menschen, die das um jeden Preis verhindern wollen. Diese Menschen hat es immer gegeben. Vor allem im Mittelalter. Aber sie sind nie verschwunden. Einige davon …“, sie nickte mit dem Kinn in Richtung der Kirche. Ich versuchte noch immer, ihrem Gedankenfluss zu folgen.

„Wege, die nicht erlaubt sind?“ fragte ich. Was sollte das sein? Wer gab vor, was richtig und falsch war, wenn nicht die Schönheit? Ich hatte diese Worte nur gedacht, und sie unterbrach mich daher.

„Simone“, sagte sie dann, „gehört zu ihnen. Sie sucht die, die nicht hierher gehören. Geflohene. Wanderer. Nennen Sie sie, wie Sie möchten.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen. Charlotte schien dies zu spüren. Wer war diese junge Frau? Hatten ihre Worte irgendeine Bedeutung, eine Wahrheit? Oder war dies nur eine erfundene Geschichte, ein Traum? Saß vor mir eine Wahnsinnige? Oder fand ich hier, wonach ich gesucht hatte?

Sie sah wieder zu mir. „Schauen Sie, das ist jetzt viel auf einmal, aber eines möchte ich Ihnen noch sagen: Ich gehöre zu denen, die überzeugt sind, dass jedes Leben lebenswert ist. Auch das verirrte. Es gibt keine geraden Wege. Jeder Weg macht Sinn.“ Ich starrte sie wohl an, aber das war ihr egal. „Vielleicht irre ich mich ja auch, und Sie sind nicht der, für den wir Sie halten. Aber immerhin sind Sie ja in Marbach – und ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass …“

Ein Knacksen unterbrach ihren Redeschwall. Sie fuhr herum. Auch ich blickte erschrocken dorthin, woher der Laut gekommen war.

Zu Kap. 6: Autor Albrecht Gühring

Die Autorin

Dr. Vera Spillner ist theoretische Physikerin, Lektorin und Geigerin. Sie liebt es, mit Menschen zu arbeiten, die leidenschaftlich an eine Sache glauben und sich dabei gegenseitig in jeder Weise unterstützen – so wie bei MARBACH HANDELT.

(c) Dr. Vera Spillner, Marbach am Neckar