5. Juni 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN IV 

Doppelter Boden

von Dr. Annette Fiss

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Ich erwachte. Hatte ich geträumt? Durch das spaltbreit geöffnete Fenster über mir hörte ich dumpfe Schläge, die sich unregelmäßig mit lauten Rufen und dem ohrenbetäubenden Kreischen einer Kreissäge abwechselten.

Eine Baustelle. Mein Schädel brummte. Offensichtlich war ich zuhause. Der Baustellenlärm von draußen hatte einen sehr vertrauten Klang. Ich lag auf der Seite, öffnete langsam die Augen. Auch das Muster der Bettwäsche kam mir bekannt vor. Ich war tatsächlich daheim.

Behutsam drehte ich mich um und versuchte, mich aufzusetzen. Meine Unterschenkel und Füße schmerzten. Ich schlug die Bettdecke zurück und sah Kratzer, die quer über beide Schienenbeine liefen. Der Knöchel des linken Fußes sah leicht geschwollen aus. Mit Daumen und Zeigefinger tastete ich das Gelenk ab. Halb so schlimm. Fürs Erste beruhigt ließ ich mich wieder in die Kissen sinken.

Doch an Schlaf war nicht mehr zu denken. Was war nur geschehen? Langsam kehrte die Erinnerung an die Schmach des gestrigen Abends in viel zu lebendigen Bildern zurück. Der Glemswald. Das Buch. Völlig hilflos war ich durch brombeerverkrautetes Unterholz gestolpert. Angesichts der funzeligen Mondsichel hatte ich dem Ärger über mein unauffindbares Auto schließlich lauthals Luft gemacht. Wo hatte ich das verdammte Ding nur abgestellt? Die ganze Situation war absurd. Zudem hatte ich bei der nächtlichen Aktion meinen weißen Schal verloren… Was? Stimmte das? Vor Schreck setzte ich mich auf und ließ meinen Blick aufmerksam durchs Zimmer wandern.

Mein Zimmer war nicht groß. Auf einem Stuhl unweit des Bettes entdeckte ich meinen braunen Gehrock und die rotblonde Zopfperücke. Unter dem Stuhl standen meine Schnallenschuhe. Doch von dem Schal fehlte jede Spur. Verdammt! Meine Garderobe musste unter allen Umständen vollständig sein, das war sehr wichtig. Über die Jahrzehnte hatte man sich in Marbach an meine Erscheinung gewöhnt. Der Schal war historisch korrekt. Er war ein Artefakt, ein Original und würde in dieser Form kaum jemals zu ersetzen sein. Ich war untröstlich. Nein, das stimmte nicht ganz. Ich war wütend!

Ich war wütend auf Simone. Warum kam sie nach all den Jahren ausgerechnet nach Marbach? Was sollte das? Reichte ihr der Bielefeld-Vorfall denn nicht? Hatte sie dort nicht erheblichen Schaden angerichtet? Bis heute musste sich das beschauliche Städtchen der Verschwörungstheorien erwehren, die hartnäckig behaupteten, es gäbe Bielefeld nicht. Grund für das Debakel war damals ein winziger Rechenfehler gewesen – das fatale Ergebnis wirkte bis heute nach. Seit dem Geisterseher reagierte ich hochsensibel auf alles, was irgendwie nach Verschwörungstheorie roch. Ich hatte versucht, Simone im Auge zu behalten. Eine Weile hieß es, sie sei nach Berlin gegangen. Nach ihrem Verschwinden Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts brach ich die Suche schließlich erfolglos ab.

Mir war schleierhaft, was sie nach Marbach führte. Gerüchten zufolge ging es um die Großbaustelle, um tiefgreifende bauliche Veränderungen in der Stadt. Es war die Rede von unentdeckten Gewölben, von allen möglichen Geheimnissen und sensationellen Funden, die mit der geplanten Stadtrenovierung in Aussicht stehen sollten. Doch das musste nicht stimmen. Und wer waren Simones Auftraggeber? Ich hatte eine vage Vermutung. Doch wirklich sicher war ich mir auch in dieser Sache nicht. Nicht einmal für Simones Identität wollte und konnte ich nach dem gestrigen Abend meine Hand ins Feuer legen, die ich seit einer gefühlten Ewigkeit schützend über Marbach hielt. Ich beschloss, bei nächstbester Gelegenheit meine Kontakte in der Stadt zu nutzen, um weitere Erkundigungen einzuholen. Denn eines war klar: Falls Simone diejenige war, für die ich sie hielt, würde ihre germanistische Tarnung in absehbarer Zeit auffliegen. An dieser Stelle war das Eis in Marbach dünn.

Gestern Abend im Glemswald war davon allerdings nichts zu spüren. Entweder wusste Simone nicht, dass ich sie durchschaut hatte. Oder sie schaltete vor mir, dem im Gebüsch lauernden Beobachter, extra auf stur. Fakt war jedenfalls, dass Simone das Buch, das sie eigentlich in Alarmbereitschaft versetzen sollte, zunächst achtlos neben sich auf die Bank an der Bushaltestelle gelegt hatte und dann im Sitzen eingenickt war. Mich brachte allein der Anblick schier um den Verstand. Daher kam ich blitzschnell aus dem Gebüsch, schnappte mir das Buch und legte eine zweite, verschärfte Warnung neben die Schlafende, bevor ich mich auf die vermaledeite Autosuche begab.

In der festen Hoffnung darauf, dass sie den Hinweis verstehen würde, hatte ich einen meiner faulen Äpfel neben Simone platziert. Die Farbe des Apfels wechselte sinnfällig von Browne zu Black. Tatsächlich hatte ich just diesen Apfel mit einigem Bedacht ausgewählt. Doch um wirklich auf Nummer sicher zu gehen, steckte ich kurz vor meinem Aufbruch noch einen Wurm aus eingerolltem Papier seitlich in den Apfel hinein. Ich wusste, dass Simone den Wurm aller Wahrscheinlichkeit nach ziehen, das Papier entrollen und die darauf notierte Zahlenkombination umgehend in ihr kaputtes Mobiltelefon tippen würde.

Über all die Jahrzehnte hatte ich mich mit mancherlei Moden meiner Mitmenschen arrangiert. Ich hatte Autofahren gelernt. Hatte mich sprachlich halbwegs angepasst und nutze viele Annehmlichkeiten des modernen Lebens mittlerweile so selbstverständlich, als hätte ich nie etwas anderes kennengelernt. Nur beim Telefon ging ich die jüngsten Schritte nicht mit. So saß ich jetzt mit angezogenen Beinen auf meinem Bett, hörte die vertrauten Baustellengeräusche und starrte wie gebannt auf mein schwarzes Bakelit-Telefon.

Zu Kap. 5: Autorin Dr. Vera Spillner

Die Autorin

Annette Fiss ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Zweitstudium Weinbau und Oenologie. Geboren in Schleswig-Holstein. Seit März 2018 im Team der Weingärtner Marbach für die Bereiche Marketing und Kommunikation verantwortlich. Hat sich für MARBACH HANDELT vom Romankapitelschreiben verführen lassen… Die Geschichte geht weiter, bleiben Sie dran!

(c) Annette Fiss, Weingärtner Marbach