29. Mai 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN III

Das Lauschen im Walde

von Dr. Gisela Hack-Molitor

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Die Türen schlossen sich beinah geräuschlos und der Bus rollte ohne mich weiter in Richtung Stadtmitte. Die Dunkelheit des Waldes senkte sich unmittelbar auf mich herab wie eine viel zu große Pudelmütze. Es dauerte eine Weile, bis ich die Neumondsichel durch die schwankenden Wipfel der hohen Bäume entdeckte. Ein Käuzchen rief, etwas raschelte im Unterholz direkt neben mir. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke hoch und stellte den Kragen auf. Kerzengerade pflanzte ich mich am Weg auf und suchte die Straße Richtung Solitude, über die der Bus gekommen war, mit den Blicken ab. Von dort musste er den Berg herabkommen, dieser seltsame Herr Schiller mit dem weißen Schal. Nein, er konnte mir nicht durch die Lappen gehen. Ich drückte die Brille an die Augen, die sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten. Die kühle Luft tat mir gut, meine Gedanken sortierten sich. Wenn es darauf ankam, konnte ich die lästigen Selbstzweifel schnell begraben und mich auf das konzentrieren, was ich für wichtig befand.

Zumindest zwei Fragen wollte ich ihm stellen: Herr Schiller (– oder wie sollte ich ihn anreden?), was meinen Sie mit dem „Hier und Heute“, in das Sie „zurückkehren“? Für mich war das Hier und Heute der 26. Mai 2020; ob ich mich mit ihm darauf verständigen konnte, bezweifelte ich allerdings. Das alte Marbach schien er zu kennen, aber vom heutigen hatte er wohl keinen blassen Dunst. Die herzogliche Karlsschule hatte er beschrieben, als hätte er sie leibhaftig durchlitten. Doch dann diese Zitate aus einer Zeit, als der echte Schiller schon knapp zwanzig Jahre tot war? Wollte er mich auf die Probe stellen?

Meine zweite Frage: Was hat es mit diesem Buch auf sich, das Sie mir in die Tasche geschmuggelt haben! Dieser kiloschwere Brocken, der ohne mein Zutun und unbemerkt in mein intimstes Gepäckstück geraten war, stellte eine weitere Zumutung für meinen Verstand dar.

Wieder hörte ich es seitlich knacken – war das ein Fuchs auf nächtlichem Beutezug oder sonstiges Getier? Wohl kaum dieser Schiller-Wiedergänger in seinem feinen Rock und den glänzenden Schnallenschuhen, der würde nicht durchs dichte Unterholz streifen, schon gar nicht im Dunkeln. Die Riemen der Tasche drückten mir auf die Schulter und ich ließ die schwere Last auf den Boden gleiten, nahm sie aber gleich darauf wieder an mich und wechselte die Tasche auf die andere Seite. Womöglich verschwand diese geheimnisvolle Gabe wieder so schnell, wie sie aufgetaucht war, wenn ich nicht achtgab. Ich ertastete den Folioband in meinem Beutel, wobei mir sogleich der strenge Geruch in die Nase stieg. Alles in Ordnung, wir waren hier schließlich nicht im finsteren Märchenforst, sondern im Stuttgarter Glemswald.

Allerdings wusste ich immer noch nicht, was in dieser Schwarte stand. Ob ich sie überhaupt lesen konnte? Ich erinnerte mich an ein gestanztes Wort auf dem Ledereinband – irgendetwas mit „pseudo“ und „Epidemie“ hatte sich in meinem Hirn verhakt. Am Ende war das Buch auf Latein oder gar auf Griechisch verfasst, wie viele dieser frühen Drucke? Das sollte ich mir näher anschauen, am besten, bevor ich diesen Sonderling darauf ansprach. Mein Latein war leider ein wenig eingerostet, von meinem Griechisch ganz zu schweigen. Ungebildet schien mir dieser aus der Zeit gefallene Mensch nicht zu sein, da wollte ich mich nicht blamieren. Nahm ich ihn inzwischen etwa ernst? Klaren Kopf bewahren, Simone, du hast schon ganz andere Rätsel gelöst.

Mit raschen Schritten überquerte ich die Straße und steuerte die Bushaltestelle in der Gegenrichtung an, die etwa dreißig Meter bergab lag und von der einzigen Laterne weit und breit beleuchtet wurde. Einmal drehte ich mich um, als ich einen trockenen Laut hörte, und spähte die Straße hoch. Kurz darauf kullerte etwas dicht neben meinen Füßen die Straße herab. Ein Kiefernzapfen. Ich bemerkte plötzlich, dass mein Herz pochte.

Am Laternenmast war der Busfahrplan befestigt, ein paar Schritte davon entfernt stand eine breite Sitzbank, mit unleserlichem Graffito übermalt, aber intakt. Schnell vergewisserte ich mich, dass in einer Stunde erneut ein Bus vorbeikam, der letzte für heute Nacht. Die Bank wackelte ein wenig, als ich mich darauf niederließ. Ein idealer Platz. Von der Laterne fiel Licht auf mich, und ich selbst hatte die Straße zur Solitude im Blick – wir konnten uns nicht verpassen. Kurz bedauerte ich, dass ich mein Salamibrot schon vor Stunden verspeist hatte, und kramte in den Untiefen meiner Tasche nach irgendetwas Essbarem. Ein altes, von einer dicken Staub- und Papierbröselschicht überzogenes Eukalyptusbonbon war der einzige Fund, ich warf es angewidert in die Büsche.

Dann hievte ich entschlossen das schwere Buch aus dem Beutel, legte es mir auf die Schenkel und buchstabierte den Titel: „Pseudodoxia Epidemica“. Nicht sehr aufschlussreich. Rasch schlug ich den dicken Buchdeckel auf, der sich ein wenig sperrte, und blätterte vor zum Titelblatt. Schneidendes Buchparfüm stieg mir in die Nase, ich kümmerte mich nicht darum. Zum Glück war hier alles auf Deutsch, in der barocken Frakturschrift, die mir so vertraut war. Indem ich das Buch ins Licht drehte, konnte ich entziffern: „Über die epidemische Verbreitung von Irrmeinungen, abgefasst von dem ehrenwerten Medicus Sir John Black in dem Jahre 1646, in die teutsche Sprache gebracht von einem unbekannten Liebhaber der Wahrheit, Francfurt 1670“. Links daneben eine eingebundene Originalradierung, geschützt von einem hauchdünnen Blatt, das ich vorsichtig abhob. Die Abbildung zeigte einen barocken Bau, der auf einem Hügel thronte. War das etwa Schloss Solitude, nur etwas kleiner und ohne all die anderen Gebäude drumherum? Ich ging mit den Augen noch näher an das fein gestrichelte Kunstwerk heran. Nein, das war es tatsächlich nicht, aber dieses Schlösschen wies einen ähnlichen Stil auf. Wo mochte es stehen? Meine Hände zitterten leicht, als ich weiterblätterte und versuchte, das seitenlange, in verschiedene Abschnitte gegliederte Inhaltsverzeichnis zu lesen. Doch die Schrift war bei dem schwachen Laternenlicht zu klein, ich gab auf.

Mir stand der Schweiß auf der Stirn, wie ich nun bemerkte. Vorsichtig klappte ich das Buch zu und legte es auf die Bank neben mich. Ich zog hastig den Reißverschluss herunter und öffnete meine Windjacke, das verschaffte mir etwas Erleichterung. Was ich schon vor einer Weile zu ahnen begonnen hatte, formte sich ganz leise zu einem Verdacht: Hatte dieses Buch sowie dessen rätselhafter Spender in irgendeiner Form mit dem Auftrag zu tun, der mich von der Hauptstadt ins Neckarstädtchen Marbach führte? Eigentlich sprach alles dagegen. Was sollte dieser Band aus der frühen Neuzeit mit den Verschwörungsmythen zu tun haben, die seit Wochen durch diverse Internetforen zogen und die Republik immer mehr ins Wanken brachten? War das Buch der Haken, an dem ich endlich ansetzen konnte, oder war ich auf völlig falscher Fährte?

Die Baumwipfel rauschten mit einem Mal stärker und gelegentlich klopfte und knallte es, als schlügen Äste aneinander. Der Wind eroberte den Wald, die Mondsichel war nicht mehr zu erkennen.

Wo war denn der nächtliche Spaziergänger abgeblieben, auf den ich gewartet hatte?

Zu Kap. 4: Autorin Dr. Annette Fiss

Die Autorin

Gisela Hack-Molitor, geboren in Zweibrücken/Pfalz, wohnt seit 1990 in Marbach am Neckar. Sie ist Anglistin, Germanistin und Slawistin (Bonn und Heidelberg) und bereits mehr als 20 Jahre als Lektorin und Publizistin selbständig. Seit 2005 ist das Marbacher Text- und Literaturbüro über der Stadtbücherei ihr Stützpunkt. Daneben forscht sie in Archiven, auch gelegentlich im Deutschen Literaturarchiv vor Ort, verfasst wissenschaftliche Studien und Chroniken, meist für die Universität Frankfurt, und produziert Bücher im Bereich Kunst.

Seit 2017 ist sie in Marbach ehrenamtlich in die Konzeption des Forums Zeitgeschehen eingebunden, das jährlich in der Stadthalle stattfindet.

www.litbuero.de

(c) Dr. Gisela Hack-Molitor

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