22. Mai 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN II

Im Dunkeln

von Lorenz Obleser

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Ich saß im Bus. Hinten, erhöht auf der Achse, Heimweg nach Marbach. Der 92er rollte bergab. Eine seltsame Begegnung lag hinter mir. Aus einem quasi vorgeschichtlichen Augenblick auf einer Glemswaldlichtung war ich herausgerissen worden von einer Figur, die womöglich einem Schmierentheater entsprungen war. Ihre Herkunft war unklar. Sie schien eine Datenbank flottierender Zitate verschluckt zu haben. Warum hatte ich ihrer Aufdringlichkeit nachgegeben? Welchen oberflächlichen Reizen wegen war ich ihren Anspielungen gefolgt und hatte ich ihre Zumutungen über mich ergehen lassen? In meiner Zeit in Berlin war ich oft genug verärgert über mich und die Nacht zuvor aufgewacht. Ich hatte diesmal Glück gehabt. Die Erkenntnis, im Grunde noch immer die junge Studentin zu sein, die mich damals immer wieder in Sackgassen bugsiert hatte, ließ mich mit dem Grübeln beginnen. Da spürte ich das ungewohnte Gewicht meiner Tasche auf den Schenkeln.

Die Traurigkeit über die Schwerfälligkeit meines inneren Wachsens wich einer Wut. Der verkleidete Klugschwätzer hatte sich auch noch als Taschenspieler hervorgetan und mir eine speckige Schwarte von unbekannter Provenienz untergejubelt. Meine Neugier auf das Buch sollte nicht bestimmend sein, sagte ich mir. Schon gar nicht, wenn einer mit seiner verschnörkelten Gehhilfe übergriffig Flausen in den Himmel über der Solitude schrieb. Trotzdem griff meine rechte Hand vorsichtig in die Tasche, um den Fremdkörper zu bestimmen.

Die Tasche hatte ich am Kaiserdamm in Berlin bei einem Trödler erstanden. Eigentlich war sie nur ein Beutel mit einer schmalen Öffnung, zwei Druckknöpfen zum Schließen und einem langen, geflochtenen Gurt zum Umhängen. Auf dem robusten Leinenbeutel waren mit gedrehtem Sisal ozeanische Tribals eingestickt. Schwarzer Samt, der Flor gänzlich abgewetzt, war innen eingehängt. Risse weiteten sich und ließen immer mal wieder kleine Habseligkeiten von mir in den schwarzen Löchern meiner Tasche verschwinden, dorthin, wo mein Vergessen beginnt. Vielleicht war das Buch auf dem gleichen Weg in umgekehrter Richtung aus den Tiefen meiner Vorstellungskraft mir in den Schoß gelegt worden? Der Gedanke gefiel mir.

Wie sich aber die Hand in dieses dunkle Reich schob, drang der stechende Geruch des alten Buches aus der Tasche und unter meine orangenfarbene Nahverkehrsmaske, die meine Nichte mir genäht hatte. Ich rümpfte die Nase und sah mich verlegen im Bus um. Auf der anderen Seite des Ganges saßen sich zwei junge Burschen gegenüber. Unter dem Schirm ihrer Mützen schien sich nur das Aroma ihres Bieres aus den Dosen in ihrer Hand zu sammeln. Umgeben von alten Büchern hatte ich genügend Zeit in Archiven zugebracht, um zu ahnen, wie alt ein Druckwerk sein würde. Die Papierherstellung hatte lange Urin verwendet, um die Fasern aus den Lumpen zu gewinnen. Beides wurde den Manufakturen von Habenichtsen geliefert. Ob Hölderlins Hyperion oder Pamphlete der Märzrevolutionäre, egal welch hehre Ziele die Autoren verfolgt hatten, mit den Jahren war bislang aus jedem Werk neben dem Odem des wirkenden Geistes auch die Notdurft alles Körperlichen hervorgekrochen.

Im tiefen Dunkeln des Sacks tasteten die Kuppen meines Zeigefingers und des Mittelfingers am Anschnitt des Buches entlang. Unregelmäßigkeiten in der Bindung und vermutlich häufige Benutzung haben dem Buchblock millimeterweites Spiel im Einband gegeben und den Sitz einzelner Bögen im Rücken gelockert. Einzelne Seiten standen über und meine Finger lösten kleine Stückchen, die am Finger klebten oder sich ins Dunkle fallen ließen.

Mir fiel mein Handy ein. Seit der Begegnung mit dem schrulligen Selbstdarsteller hatte ich es nicht mehr in der Hand liegen gehabt. Ich war in Sorge, es an dem Ort liegengelassen zu haben, wo aus dem Ende der Welt das Ende der Zeit namens Solitude wurde. Mein schwarzes Kästchen wäre dann ein ausrangierter Solitär, das Modell war längst nicht mehr up to date, der vergebens Funkkontakt zu mir suchte und schließlich von fremder Hand zu einem Gebrauchtwarenhändler getragen würde.

Mit dem Nagel des kleinen Fingers war ich in einem Loch hängengeblieben, als die übrigen neun am Tiefpunkt der Tasche angekommen waren und auf der anderen Seite des alten Buches wieder nach oben krochen. Fingerknöchel stießen gegen etwas Glattes. Mit der Erleichterung, mein Handy bei mir zu wissen, war auch sogleich wieder die Wunde aufgerissen, auf die der Sprung mich aufmerksam machte, der sich kürzlich erst der Länge nach über das ganze Display gelegt hatte. Mit der Maske meiner Nichte im Gesicht beschlug leicht meine Brille, und im Wühlen nach Kleingeld vor dem Fahrkartenautomaten in Stuttgart war mir ein paar Tage zuvor das Handy aus der Hand gerutscht und hatte auf dem Doppelverbundpflaster des Bahnsteigs Schaden genommen. Die Kosten für ein neues Display standen in keinem Verhältnis mehr zu den wenigen Möglichkeiten, die das Gerät für den Weltzugriff noch bereithielt. Wohl oder übel musste ich daran denken, alsbald mich im Dschungel der Tarife nach einem neuen Gerät umzusehen. Solchen Aufgaben stellte ich mich ungern.

In der Tasche schmiegte sich meine Hand um das Handy. Die Aufmerksamkeit würde die Verletzung nicht heilen, den Sprung nicht kitten. Zwischen dem Futteral aus Plastik, der im entscheidenden Augenblick in der Fuge zwischen den Steinen versagt hatte, sammelte sich stets Staub. Vornehmlich der aus meiner Tasche, in der das Kleingerät sich leicht der Anziehungskraft ihrer elektrostatischen Ladung versichern konnte. Mein Daumen begann im Loch der Kamera seine Runden zu drehen und gab mir so das Gefühl für die Bedeutung von Reinlichkeit. Und wieder drängte sich der Sprung im Glas ins Bewusstsein. Mit dem Zeigefinger war ich auf ein Stück Papier, alte Faser, kleinster Fetzen, gestoßen, das sich dort einklemmen ließ, wo die Tektonik des entzweiten Displays noch genügend Spannung halten konnte. Fest saß das kleine Stück Historie im Unentschieden zwischen Kommunikationsschrott und meiner emotionalen Unzulänglichkeit. Gleich einem Rest Spargel zwischen den Zähnen war dem auch mit beharrlichem Reiben und Treiben nicht beizukommen.

Das war kein Spiel mehr. Drunten im Dunkel wies mich mein Sensorium daraufhin, dass ich mich schon längst anschickte, mich wieder in die mir so vertraute Sackgasse zu begeben. Das Papier im Glasspalt war ein Zeichen, dessen war ich mir sicher. Zu gut wusste ich, dass ich jetzt alle meine Sinne beieinander halten müsste, um mit Verstand meiner Arbeit nachgehen zu können, derentwegen ich Berlin verlassen hatte und mich am Neckar ins Brot setzen ließ. Der Bus bog ab nach rechts. Die Kurve hatte mich ins Verkehrsgeschehen zurückgeholt. Zwischen den Bäumen lief der Kauz von eben. Vielleicht tänzelte er auch. Nur seinen weißen Schal sah ich noch einmal aufblitzen. Meine Besonnenheit im Bus endete und ich stand auf, drückte den Halteknopf und stieg aus. Forsthaus stand auf dem Haltstellenschild, und ich wusste, bis nach Hause würde ich es heute nicht mehr schaffen.

Zu Kap. 3: Autorin Dr. Gisela Hack-Molitor

Der Autor

Lorenz Obleser, geboren 1966 in Nürtingen, lebt seit bald einem viertel Jahrhundert mit seiner Familie flussabwärts in Marbach. Er ist Schulleiter der Freien Schule Christophine in Marbach und arbeitet für die Marbacher Zeitung. Er bedankt sich bei Andrea Hahn und dem Stadtmarketing Schillerstadt für die Einladung, an diesem Schreibspiel teilnehmen zu dürfen.

lorenz@obleser.de

(c) Lorenz Obleser, Marbach

(c) Lorenz Obleser, Marbach