KW 20

15. Mai 2020 – DER MARBACHER FOLGEROMAN I

Zeitchaos in der Einsamkeit

von Andrea Hahn

Traumhaft schön, eigentlich zu schön – Pink, Orange, Rot, der Himmel brannte. Er hatte meine neue Heimat angezündet. Und ich saß hier oben auf einer alten Bank und schaute gebannt zu, allein auf weiter Flur und mit einem wahnsinnig weiten Ausblick. An diesem Donnerstagabend war das ein verlassener Ort, ein Ort, der seinem Namen gerecht wurde: Solitude, Einsamkeit. Als Herzog Karl Eugen in den 1760er-Jahren das Schloss hier oben auf dem Bergrücken erbauen ließ, muss es am Ende der Welt gewesen sein. Das Ende der Welt … ob ich auch gerade auf dem Weg ans Ende der Welt war? Immerhin war ich ein Berliner Großstadtgewächs, und jetzt wollte, jetzt sollte ich bei Stuttgart in die –

„Mein Fräulein! sein Sie munter.“

Ich fuhr herum.

„Das ist ein altes Stück; hier vorne geht sie unter und kehrt von hinten zurück.“

Fast hätte ich mich verschluckt. Was war das denn für ein schräger Typ? Langes Haar zu einem Zopf gebunden, weißer Schal, brauner Gehrock, Kniebundhose, Schnallenschuhe an den Füßen und ein Heine-Zitat auf den Lippen? Offenbar einer der Schlossführer, hängengeblieben nach Dienstschluss und nicht ganz sattelfest in der zeitlichen Abfolge der deutschen Literatur.

„Geht’s noch? Erschrecken Sie die Leute immer so?“

Er verbeugte sich. „Es liegt mir fern, jemanden zu erschrecken, mein Fräulein. Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen. Gestattet?“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“ Ich rückte widerwillig zur Seite, für Coronazeiten war das ja schon ein bisschen nah. Und überhaupt … Meine schöne Einsamkeit wollte ich mir eigentlich nicht zerstören lassen.

„Habt Dank, gnädiges Fräulein.“

Irgendwie nervte mich das Getue. „Sie können jetzt normal sein, das Schloss hat zu, Ihr Job ist für heute erledigt, und das mit dem Fräulein hat sich dank der Frauenbewegung ja längst erledigt.“

Der strubbelige Rotschopf schaute mich mit hochgezogener Augenbraue an und hüstelte.

„Mein Fräu-“ Er unterbrach sich. „Madame, dunkel war Ihrer Rede Sinn. “

Gott, der hatte nicht vor, mit dem Gebrabbel aufzuhören.

„Sie spielen Ihre Rolle gut, aber es reicht jetzt. Außerdem sollten Sie kein Heine-Gedicht aus dem 19. Jahrhundert zitieren, wenn Sie wie jemand aus dem 18. Jahrhundert aussehen. Das kommt im 21. Jahrhundert nicht gut.“

„Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf.“

Duzten wir uns jetzt? Oder war das wieder ein Zitat? Während ich ihn grübelnd von der Seite betrachtete, wanderte sein Blick in die Ferne. Allmählich war alles in reines Pink getaucht, das Rot war verschwunden. Unten in der Ebene gingen erste Lichter an. Das hakennasige Profil des Fremden zeichnete sich scharf ab. Ich hatte Jahre lang Germanistik studiert und genug Bilder von Friedrich Schiller gesehen, um zu wissen, wen der Typ hier darstellen wollte. Und ich muss sagen, wer immer ihn so hergerichtete hatte, der oder die hatte die Sache verdammt gut gemacht.

„Sie sehen wirklich echt aus, sind Sie Schauspieler?“ Der Kerl war sehr präsent und hatte etwas Anziehendes, aber ich packte doch lieber das Sie zwischen uns.

„Schauspieler? Die Bühne ist mein wahres Elixier, sehr wohl.“ Ein durchdringender Blick traf mich. „Aber Schauspieler?“

Er schien zu überlegen. Wusste er nicht, was er war? Ein Fall von Demenz? Schizophrenie? Alkohol? Drogen? Nach Fahne roch er nicht, und zugedröhnt wirkte er auch nicht.

„Schon als Knabe, da unten in der Residenzstadt Ludwigsburg, schlug ich mit Schwester und Schulfreunden im Garten die Bühne auf, jedes musste die Hand anlegen dabei. Ich verteilte die Rollen. Gespielt wurde, was wir am herzoglichen Theater gesehen hatten.“

Jetzt wurde er richtig redselig. Er begann zu gestikulieren, stand auf und ging mit großen Schritten hin und her.

„Ihr müsst wissen, Madame, wir Offizierskinder durften das herzogliche Theater besuchen, ohne einen Obolus entrichten zu müssen. Es war einst eines der ersten Häuser Europas.“ Er blieb vor mir stehen und winkte ab. „Nun gut, sie spielten dort keinen unserer begabten jungen Dichter, alles nur altväterlich Zeug. Wie auch immer, meine Schwester Christophine und meine Kameraden behaupteten, dass ich kein vortrefflicher Spieler gewesen sei. Ich habe, glaubt man ihnen, durch meine Lebendigkeit alles übertrieben.“

Plötzlich herrschte wieder Schweigen. Er setzte sich und starrte erneut in die Ferne. Irgendetwas an ihm verbot mir, ihn jetzt anzusprechen. Ich wartete. Tatsächlich begann er nach zwei, drei langen Minuten wieder zu reden.

„Nun ja, wer immer strebend sich bemüht …“

Da war es schon wieder. Er war wieder aus der Rolle gefallen. Ich konnte mich nicht ganz zurückhalten und bemerkte:

„Bei Ihren Klassikerzitaten sollten Sie noch üben, da ist noch Luft nach oben.“

Erneut traf mich ein Blick unter einer hochgezogenen Augenbraue hervor. Offenbar bestand Erklärungsbedarf.

„Na ja, das ist aus Goethes ‚Faust II‘. Der wurde 1832 veröffentlicht, und Sie haben fast 30 Jahre zuvor den Abgang von dieser Erde gemacht.“

„Ach das, das kann ich erklären, Madame. Eine Banalität nur.“ Seine Stimme klang jetzt herablassend. Er hob die Hand, um mich am Sprechen zu hindern. Von wegen.

„Müssen Sie nicht erklären, auf Banalitäten kann ich verzichten.“ Eigentlich hätte ich es ja gern gewusst, aber seine gebieterische Art störte mich entschieden.

Schweigen, er starrte vor sich hin, offenbar war er jetzt beleidigt. Auch gut, dann konnte ich mich wieder der schönen Aussicht widmen, wobei das Farbenspiel erheblich verblasst war. Die Luft wurde spürbar kälter. Wo war ich vor dem Auftreten dieses Clowns mit meinen Gedanken stehengeblieben? Ach ja, am Ende der Welt. Wie war es wohl damals, hier am Ende der Welt, als Schiller die Hohe Karlsschule besuchte und von seinem Vater zu Fuß aus Ludwigsburg hergebracht worden war? Als Schlossführer und Schillermime musste mein Nebensitzer es ja wissen, also sprach ich ihn doch wieder an.

„Erzählen Sie mal, wie war es hier oben in der Karlsschule.“

„Es war eine Sklavenplantage, wie Schubart völlig richtig sagte. Es war grauenhaft.“ Er betonte jede Silbe des Wortes „grauenhaft“. „Drill, Drill, Drill. Ohne Unterlass wurde kommandiert, wir marschierten im Takt, hoben im Takt alle gleich die Hände in die Höhe, nach dem Takt setzten wir uns nieder, aßen, lernten, beteten, gingen nach dem Takt zu Bett.“

Er schien zu überlegen.

„Im Grunde war ich ein guter und gehorsamer Schüler, wenn auch etwas unreinlich. Aufseher Nies raunzte mich einmal an: ‘Schiller, er ist ein Schweinepelz!‘ Er hatte nicht Unrecht.“

Zum ersten Mal lachte er, wurde aber sofort wieder ernst. „Unglücklicher konnte bald niemand sein als ich. Als ich nach Mannheim reiste, um meine ‚Räuber‘ auf der Bühne zu erleben, verleitete mich der höchstwidrige Kontrast meines Vaterlands mit Mannheim, so dass mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen unerträglich und ekelhaft wurden. Ich musste fliehen. Bleiben wäre mein Tod gewesen.“

Allmählich gewöhnte ich mich daran, dass er seine Rolle konsequent weiterspielte, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich in dieser kurzen Zeit mehr über Schiller lernte als in meinem ganzen Studium.

„Na, dann sagen Sie mir doch bitte, was in Schwaben so unerträglich und ekelhaft war oder vielleicht sogar noch immer ist.“

„Nein, nein, das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Carl Eugen hatte große Fehler als Regent, größere als Mensch. Die Erstern wurden von seinen großen Eigenschaften weit überwogen, dennoch war es eine grauenhafte Zeit. Armut, Willkür, Zensur, Obrigkeit … Wir lechzten nach Freiheit. Aber warum wollen Madame das wissen? Nicht in die ferne Zeit verliere dich! Den Augenblick ergreife! Der ist dein.“

Aha, eine kleine Lektion in Sachen Achtsamkeit. Und neugierig war er auch, schau, schau.

„Ich bin nicht von hier, ich werde demnächst aus Berlin hierher ziehen und zwar ausgerechnet nach Marbach am Neckar, das Sie ja kennen müssten. Dort habe ich gerade eine Wohnung gefunden.“

„Marbach, ach ja, die kleine, beschauliche Landstadt, meine Geburtsstadt. Mutter, Christophine und ich waren oft zu Besuch bei den Großeltern dort. Die Gassen sind eng und abschüssig, doch die Häuser reinlich und recht neu. Nach dem großen Brande von 1693 war das Städtchen in den Jahrzehnten vor meiner Geburt wieder aufgebauet worden. Neues Leben blühte aus den Ruinen. Einzig das Stadtschloss wurde nicht wieder errichtet, es wurde nach dem Bau des herzoglichen Schlosses in Ludwigsburg nicht mehr gebraucht.“

„Sorry, aber mich interessiert nicht, wie Marbach vor 250 Jahren war, ich will wissen, wie es 2020 ist. Wie sind die Leute? Muss man ständig Kehrwoche machen? Hat es genug Parkplätze? Gibt es anständige Kneipen, Geschäfte? Wie kommt man dort mit Corona zurecht?“

Pseudo-Schiller schien zu überlegen: „Corona, die Dichterkrone? O, in diesem Norden des Geschmacks hätte ich ewig niemals gedeihen können.“

Ich seufzte innerlich. Aus dem war nichts herauszubringen, er kreiste nur um sich selbst. Vielleicht ist er ja nie in Marbach gewesen und kennt es nur aus irgendwelchen Geschichtsbüchern. Fast hätte ich vergessen, dass ich es hier mit einem Schauspieler oder einem Schlossführer oder beidem zu tun hatte und nicht mit dem echten Schiller, der mir etwas über meine neue Heimat hätte erzählen können. Wobei … als Schiller hätte er ja nur vom alten Marbach sprechen können und nicht vom heutigen. Mir schwirrte der Kopf. Ich sollte jetzt wohl besser gehen, denn in diesem Zeitkarussell wurde mir langsam schwindlig.

Ich wollte nach meiner Tasche greifen, doch in diesem Augenblick stand mein Banknachbar auf, verbeugte sich und sagte im Gehen:

„Madame, jetzt kehre ich aber zurück ins Hier und Heute und freue mich, dass ich gemeinsam mit Ihnen den Augenblick ergreifen durfte. Bedenken Sie: Morgen können wir’s nicht mehr, darum laßt uns heute leben. Adieu, Madame.“

„Adieu, Herr Schill- … Nein, einen Moment noch.“ Ich wusste nicht warum, aber ich wollte ihn nicht einfach verschwinden lassen. Als ich mich umdrehte, war er allerdings schon weg. Ganz schön schnell der Knabe, okay, er hatte ja ziemlich lange Beine.

Na gut, dann ging ich eben auch, vielleicht traf ich ihn ja unterwegs nochmals. Ich nahm meine Tasche, doch die war auf einmal sehr viel schwerer. Ich griff hinein, da war etwas, was eindeutig vorher nicht da gewesen ist: ein Buch, ziemlich dick und in kühles Leder gebunden. Ich holte es heraus und schlug es auf, auch wenn es inzwischen zu dunkel war, um darin zu lesen. Die Blätter knisterten, als wollten sie gleich zerbröseln.

Zu Kap. 2: Autor Lorenz Obleser

Die Autorin

Andrea Hahn lebt seit 1996 mit Mann und zwei Söhnen in Marbach. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität München und arbeitet als freiberufliche Journalistin, Werbetexterin und Lektorin. Ihr jüngstes Buch – „Magische Dichterorte. Literarische Spaziergänge rund um Stuttgart“ – erschien 2019.

An MARBACH HANDELT begeistert sie der Zusammenhalt, die Vielfalt und die Kreativität, die dabei zum Ausdruck kommen.

www.hahn-text.de

(c) Andrea Hahn. Fotograf: Chris Korner